„Hans Dampf“ hat eine Willensschwäche?

Da in den letzen Jahren die Zahl der Kinder mit starken Bewegungsdrang  und unkontrollierten Emotionen ständig  zunimmt, stellte sich in der Pädagogik  immer dringlicher die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dieser Hyperaktivität und der nicht selten damit einhergehenden mangelnden Impulskontrolle.
In der allgemeinen medizinischen und pädagogischen Diskussion geht man sehr häufig von der  Vorstellung aus, dass ein Mangel  im Transmitter- Stoffwechselhaushalt  (Dopaminstoffwechsel)  die Kontrollfunktionen des Menschen über seine Affekte einschränkt.
Wird aber eine solche Sichtweise dem Phänomen gerecht? Lassen sich tatsächlich die überaus komplizierten, sich fortlaufend verändernden und gegenseitig oft widersprechenden Verhaltensweisen vieler Kinder auf einen so einfachen gemeinsamen Nenner bringen?
Kann man dieses Phänomen überhaupt losgelöst von der Gesamtentwicklung des jeweiligen Kindes betrachten oder ergibt sich ein Verständnis dieser Verhaltensweisen doch nur aus einer eingehenden Betrachtung und Beobachtung des gesamten Menschen im Verlauf seiner seelischen und körperlichen Reifung?
 
Als Klassenlehrer einer Waldorfschule hat man die Gelegenheit gerade unter diesem Gesichtspunkt über Jahre hindurch die Entwicklung eines Kindes zu beobachten. In der Begleitung dieser sogenannten hyperaktiven und impulsgestörten Kinder kann man verstehen und einsehen lernen, dass die Bewegungsfreude oder der Bewegungsdrang und die oft ungebremste Impulsivität solcher Kinder nicht aus einem Stoffwechselmangel im Gehirn entspringen sondern, aus einem ungleichen  Zusammenspiel der Willenskräfte in der Entwicklung des Kindes hervorgehen.
 
Der Wille ist im ganzen Menschen tätig
Da es sich bei dem angesprochenen Problemen nach meiner Meinung um ausgesprochene Willensäußerungen handelt, erscheint es sinnvoll, den Willen als solchen menschenkundlich in Kürze näher zu betrachten.
Der Wille als Antriebskraft und bewegendes Moment ist in allen leiblichen und seelischen Äußerungen des Menschen zu bemerken. Alle willkürlichen und unwillkürlichen Körperbewegungen werden durch ihn impulsiert. Jede Gefühlsregung bedarf ebenso eines speziellen Antriebs, der ihr durch die Willenskraft, wir können auch sagen durch ein spezielles Begehren,  gegeben wird. Bei einem gesteigerten Gefühlsausbruch wird zum Beispiel der Wille als Stoßkraft der Gefühle besonders deutlich erlebbar. Das Gedankenleben wird  ebenfalls durch den Willen in Bewegung gebracht. Der Schritt von einem Gedanken zum anderen, ihre logische Verbindung ist eine Leistung des Willens. Wenn der Wille im Gedankenleben erlahmt, schwindet die gedankliche Aufnahmefähigkeit und letztendlich auch das Bewusstsein.
Indem der Mensch sich durch seine Sinne aktiv mit der Wahrnehmungswelt verbindet betätigt er wiederum seinen Willen. In konzentrierter Form erleben wir hier den Willen als Aufmerksamkeit ,die wir dem Sinneseindruck, einer Vorstellung oder einem Gedanken schenken. Ohne willentliche Aufmerksamkeit versinkt der Mensch in dumpfes Träumen und nimmt dementsprechend nichts wahr.
Auch das Gedächtnis funktioniert nur mit einer entsprechenden Willensanstrengung. Diese willentliche Leistung bleibt in den meisten Fällen unbewusst. Wenn man aber nach einem Wort oder einem Namen suchen muss, bemerkt man  diese Willenstätigkeit.
Auch die Phantasietätigkeit ist  auf den Willen angewiesen. Man erkennt diesen Zusammenhang sofort, wenn keine Einfälle mehr kommen wollen und man vergeblich nach neuen Ideen sucht.
Im erweiterten Begriffssinne können auch alle körperlichen Lebensprozesse wie Regeneration, Verdauung  und Wachstum als körperliche Willenstätigkeit aufgefasst werden.
Von dieser körperlichen Willenstätigkeit haben wir jedoch überhaupt kein Bewusstsein. Sie ist deshalb auch charakteristisch für den Schlafzustand des Menschen.

Tätiger und reflektierter Wille
Die soeben geleistete Beschreibung der Willenstätigkeit am ganzen Menschen setzt aber eine Unterscheidung eines unbewusst arbeitenden Willens gegenüber einem sich in unserer Vorstellung bewusst werdenden Willens voraus. Eine Betrachtung dieser Unterschiedlichkeit muss deshalb nachgeholt  werden.
Wenn wir unseren Vorsatz unseren Arm in die Luft zu heben oder ein Buch vom Tisch zu nehmen, in die Tat umsetzen, hegen wir den Glauben , einen bewussten Willensentschluss mit vollem Bewusstsein auszuführen, indem wir dabei eine willkürliche Bewegung vollziehen. Bei genauerem Hinsehnen zeigt es sich aber, dass uns nur unser Entschluss das Buch in die Hand zu nehmen vollständig und klar im Bewusstsein war. Indem wir die Armbewegung beim Aufheben des Buches mit den Augen verfolgen und die Armbewegung spüren, haben wir auch ein äußerliches Bewusstsein von dem Bewegungsvorgang. Die Innenseite dieses Bewegungsvorganges, das Zusammenspiel der Muskulatur und der damit verbundene Stoffwechselvorgang und noch vieles andere ,das diese Armbewegung erst ermöglicht, bleiben dem Bewusstsein aber verborgen. Die eigentliche Willenstätigkeit, die eine Bewegung, ob willkürlich oder unwillkürlich, als solche ermöglicht und sich hauptsächlich in Stoffwechselprozessen abspielt, bleibt also unbewusst. Im reflektierenden Bewusstsein haben wir lediglich eine Vorstellung der geleisteten Willenstätigkeit, eine Vorstellung von dem Ergebnis der Tätigkeit.
In vielen Fällen sind wir uns aber nicht einmal in der Vorstellung, wie oben am Beispiel des organischen Willens gezeigt, unseres Willens bewusst.
 
Die zwei entgegengesetzten Willensströme
Wir können also unterscheiden einen sehr unbewussten den Leib erhaltenden, aufbauenden und formenden Willen, der in allen Organfunktionen tätig ist, von einem  Willen ,von dem wir uns zumindest annähernd eine Vorstellung machen können. Diesen zuletzt genannten Willen finden wir in allen willkürlichen Körperbewegungen aber auch im Gedächtnis, in der Phantasie, im Denken und Vorstellen und allgemein in der Aufmerksamkeit tätig.
Das Zusammenspiel und die Stärke dieser beiden Willenskräfte, die sich einerseits mit dumpfer, instinktiver Stoßkraft im Körperlichen ausleben und die Organe gestalten und auf der anderen Seite  mehr in der Helligkeit des Bewusstseins arbeiten, prägt die jeweilige Entwicklungssituation des Kindes ganz entscheidend.
Am Beispiel einzelner Kinder lässt sich dieses Kräftespiel besonders im Hinblick auf die Entwicklung des Bewegungsdrangs und seiner Beherrschung und der allgemein emotionalen Entwicklung und ihrer beginnenden  Führung durch das Kind anschaulich zeigen.
 
Fabian
Fabian stand schon während seiner Kindergartenzeit ganz oft vor der Tür, weil er durch seine vorlaute, Unbeherrschtheit und Rauflustigkeit den Erziehern und Kindern mächtige Probleme bereitete. In der Schule kommt diese Impulsivität akustisch in zweifacher Art sehr stark zum Ausdruck. Fabian spricht während des  Unterrichtes den Lehrer fortlaufend direkt an. Mit rührender Naivität versucht er immer wieder mit ungebremsten Zurufen ein direktes Privatgespräch anzuknüpfen, als sei er mit ihm zu zweit bei einem Kaffeeplausch beisammen. Des weiteren entlädt sich seine während des Unterrichts angestaute Kraft, Unruhe oder Unlust in allerlei akustischen Geräuschen, witzigen Ausrufen, ungebremsten Lachern oder spontanen Unmutsbekundungen. Alles das rutscht ihm einfach so heraus, fast wie unbemerkt, reflexartig, instinktiv. Manchmal erschrickt er über sich selbst und ruft laut: „Jetzt mach ich es nicht mehr“ um kurz darauf von neuen zu beginnen. Fabian hat wirklich eine durch Mark und Bein dringende Stimme, mit der er noch in den allerletzten Augenblicken vor dem Unterrichtsbeginn durch laute Zurufe seiner Kontaktfreude Ausdruck verleiht. Wenn Fabian etwas vorspricht  oder beim Theaterspiel seinen Text aufsagt ,war seine Sprache bisher meistens  vollkommen monoton und ohne jede Differenzierung, vollkommen ausdruckslos, in einer Tonlage gehalten.
  In den Pausen ist Fabian fortlaufend in freundschaftliche oder weniger freundschaftliche Raufereien verwickelt. Mich erinnert seine Art, mit anderen, ganz gleich ob Junge oder Mädchen, sich herumzubalgen, sehr stark an die übermütigen Raufereien junger Katzen.
Wenn Fabian Hunger hat, muss er unbedingt essen, wenn er Durst hat, trinken und wenn er etwas haben will, muss er es auch nehmen. Der Drang nach allem, was gerade wünschenswert ist , ist da und muss befriedigt werden. Dabei muss der Drang gar nicht einmal so stark sein, aber die Einsicht ,das Verständnis, können sich nicht geltend machen, sind zu schwach.
Als Erst- und Zweitklässler konnte man ihn manchmal auch dabei erwischen, dass er eine
Spielkarte oder eine Süßigkeit in der Klasse stibitzte. Er wurde dann von dem Objekt seines Verlangens wie magisch angezogen, seine Begierde zog ihn sichtlich zu der Schokolade hin, eine Gegenwehr war ihm nicht möglich.
Ich habe Fabian öfters beim Schwimmen oder beim Eislaufen beobachtet. Er macht keine Bewegung zu viel. Jede Bewegung ist genau, gezielt, abgestimmt und passend. Wie ein konzentriertes Muskelpaket spurtet der kräftig gebaute, mittelgroße Schüler (mittlerweile Sechsklässler)  beim Eislaufen durch die Menge und übersieht dabei glatt, dass er einen Mitschüler über den Haufen gefahren hat.
Fabian ist ein gutmütiger und liebenwürdiger  Mensch, Er ist überhaupt nicht nachtragend. Mit seinen verträumten, dunklen, großen Augen kann er einen so freundlich anlächeln, dass man ihm überhaupt nicht lange böse sein kann. Das geht den Mitschülern auch so und deshalb ist er trotz seiner Raufereien bei allen und besonders bei den Mädchen beliebt, wenn er auch so manches Mal allen schrecklich auf die Nerven geht.
Weiterhin auffallend ist sein noch immer überaus kindlicher Gesichtsausdruck, der durch seine Pausbackigkeit noch verstärkt wird.
Im Gegensatz zu der Wachheit und instinktiven Geführtheit seiner Bewegungen im Sport, gibt er ein überaus jammervolles Bild ab, wenn er sich zum Beispiel beim Morgenspruch aus eigener Einsicht hinstellen und aufrichten  oder in der Eurythmie und beim Schauspiel geführte Bewegungen machen soll.(Es sei denn er hat Feuer gefangen, dann sieht die Sache sofort ganz anders aus, dann wird er zum Sportler.) Aber  schlapp und hängend sind ohne diese Begeisterung seine Haltung und Bewegungen. Alles zieht ihn nach unten in die Schwere. Schon als Erstklässler konnte er auf Ansprache hin oder aus eigenem Antrieb heraus vor Schlappheit nicht in die Senkrechte kommen und lag viel lieber vornüber auf der Bank.
Fabian gehört zu den Menschen, die sich im Winter erkälten aber erst im folgenden Sommer einen Schnupfen bekommen, eine so lange Leitung hat er. Er ist ganz sicherlich intelligent, aber sein Vorstellungs- und Gedankenleben ist noch außerordentlich langsam und träge. Mit rührender Verträumtheit und in unschuldiger Naivität lebt er sich selber und erfasst die Vorgänge um sich herum nur recht spärlich. So weiß man bei ihm nie so genau, ob er etwas wieder vergessen oder erst gar nicht aufgenommen hat.
 
Das Zauberwort heißt Begeisterung
Das Zauberwort, mit dem man bei Fabian alles erreichen kann, heißt Begeisterung.
Wenn er Feuer gefangen hat ,dann ist es aus mit der Langeweile und Stumpfheit. Dann bekommt im Schauspiel seine Stimme einen sehr schön differenzierten Klang, andächtig und mit großer Wachheit lauscht er einer Geschichte, malt wunderbare und fein ausgemalte Bilder und schreibt mit gutgeformter Schrift fehlerfreie Aufsätze. Seine Bewegungen in der Eurythmie sind sehr gut geführt. Im praktischen Unterricht sitzt dann jeder Handgriff, während er sonst nicht einmal die Tafel ordentlich säubern kann. Sogar sein Gedächtnis funktioniert  vorzüglich. Alle Unarten sind wie weggeblasen. Diese durch Begeisterung hervorgezauberte und gestärkte Seite von Fabian gewinnt nun langsam immer mehr die Oberhand.
 
Hat Fabian nun trotz aller Lebendigkeit doch  eine massive Willensschwäche, wenn es darum geht, den im Bewusstsein wirkenden  Willen, also den im Gedächtnis, im Denken und Vorstellen, in der Phantasie und auch den in der bewussten Geste, in der lebendigen Sprachführung und vom Bewusstsein geführten Bewegung tätigen Willen zu aktivieren, damit er den ihm entgegen kommenden im Organismus tätigen Willen und sein drangvolles Begehren  dämpfen und  meistern kann?  
 
Wenn wir den mehr in der Helligkeit des reflektierenden Bewusstseins wirkenden Willen bei Fabian anschauen, können wir ihn  dem anderen in seinem Organismus wirkenden Willen gegenüberstellen. Dieser gestaltet ihn und durchdringt ihn kräftig . Er stößt sogar mit elementarer Kraft bis ins Seelenleben vor und macht sich dort als ein intensives Wollen und Begehren bis in die Bewegungen bemerkbar. Bei ihm schießt dieser Wille ungebremst bis in die Gliedmaßen, bis in die Fingerspitzen. Daher hat er die Seite  von „Hans Dampf“  in seinem Wesen.
Steht diesem überaus kraftvollen und auch formkräftigen „Organischen Willen“
ein schwacher und antriebslahmer Willen in den Funktionen des Bewusstseins und Gemüts gegenüber?
Betrachten wir die Situation, in der Fabian die Süßigkeit stibitzt und seinem Begehren wie willenlos ausgesetzt ist. Vorstellung, Vernunft und  Gedächtnis schweigen, die Aufmerksamkeit ist vollständig gefangengenommen. Bis in seine durch Mark und Bein dringende, vitale Stimme, die auf der anderen Seite monoton und seelenlos klingt ,scheint sich dieser kraftvolle körperliche Wille auszuleben ohne auf einen genügend starken Widerstand durch den  anderen erhellenden, differenzierenden und führenden, richtungsgebenden Willensstrom zu stoßen.
Aber es gibt eben auch die anderen Fälle, in denen Fabian sich vollkommen im Griff hat.
Keine Moralpredigt, keine Strafe, kein noch so starker Druck können diese schöne Wirkung bei ihm auslösen oder hervorrufen. In der Regel wird dann alles nur noch schlimmer, denn Fabian verliert in solchen Drucksituationen sehr bald den Boden unter den Füßen.
Das Zauberwort heißt eben Begeisterung und Freude. In solchen frohen und erfolgreichen Stunden und Tagen ist Fabian wirklich wie ausgewechselt und sie werden immer häufiger. In diesen Zeiten wirken Fabians Begeisterung für die Schache und die Freude des Lehrers über den verwandelten Schüler und seine Anerkennung für ihn, Hand in Hand. An solchen Tagen und in solchen Stunden zeigt Fabian immer deutlicher, dass er sehr wohl die nötige Willenskraft besitzt, sich tadellos zu beherrschen und zu führen. Ihm fehlt auch dann nicht der Überblick, er hat die Situation im Griff. Man ahnt, dass man diesem Jungen später einmal sehr viel an bewusster Führungskraft zutrauen und viel von ihm erwarten kann.
Hat nun Fabian eine Willensschwäche in diesem helleren  im Bewusstsein, in dem in der Beherrschung und der eigenen Führung wirkenden Willen?
Fabian beweißt immer öfter schlagend das Gegenteil. Warum aber hat es bisher  nicht so recht  geklappt?
Während der organische Willensstrom bei ihm seine Aufgaben genau kennt und kraftvoll ausführt, schläft der Wille im „oberen Menschen“ noch bei Fabian  und  wacht erst langsam auf. Jeder Schlaf will aber einmal zum Aufwachen kommen und das beste Aufwachmittel für den schlafenden Willen sind starke Gefühle, die erwärmend und anfeuernd auf das Gemüt wirken können. Wenn Fabian in Begeisterung gerät, wenn er Freundschaft und Anerkennung spürt, wird er wach und jedes mal ein ganzes Stück wacher.
Die beste Kur für ihn ist also 1. Er erlebt Menschen ,die sich intensiv für ihn begeistern können. 2. Seine Umwelt und die Schule sind so eingerichtet, dass er sich für sie wirklich begeistern kann. 3. Er findet sinnvolle Tätigkeiten und Aufgaben, mit denen er sich mit Freude verbinden kann.  (Alle künstlerischen und praktischen Tätigkeiten , das freie Spiel und das Theaterspiel sind dafür besonders geeignet.)
Fabian hat bisher meistens das Gegenteil davon  erfahren und musste sich  alle diese Dinge wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. Um so erstaunlicher ist es, dass er die so spärlich gebotene Arznei doch recht erfolgreich zu nutzen verstand.
 
Der Wille schläft nur
Fabians kindlicher Gesichtsausdruck, sein so oft noch sehr verträumter Blick und seine rührende naive Verschlafenheit, in die er sich immer mehr zurückzieht, wenn er sich abgelehnt und unter Druck gesetzt fühlt, weisen deutlich auf den Schlaf dieser noch schlummernden aber starken Willenskräfte hin, die nur darauf warten, dass sie erwachen und im Bewusstsein  wirken können. Mit dem schlafenden Willen ist hier nicht ein Wille gemeint, der unbewusst wirkt ,wie der organische Wille, sondern ein Wille, der noch zu keiner wirklichen Tätigkeit gekommen ist, der sozusagen noch einen Anreiz  bekommen muss, um sich mit der eigenen Person und der Welt verbinden zu können.  Und es ist sicherlich die Art eines so starken Willens, der einmal kräftig in der Welt wirken will, dass er lange noch träumen muss, das heißt auch ausreifen muss, zusätzliche Kräfte sammeln muss, und sich deshalb erst spät zur Tätigkeit aufrafft. Im Märchen wird er in der Person des Aschenputtels geschildert, dass immer noch am Herd liegt und träumt und erst sehr spät zum mutigen Helden wird, während die anderen Geschwister schon längst bereit sind, in die Welt zu ziehen.
 Aber erst nach seiner gründlichen Ausreifung wird dieser ordnende und Richtung gebende Wille das rechte Gegengewicht gegenüber seinem ebenso kräftigen Widerpart, dem organischen Willen, bilden können und in der Lage sein, diesen natürlichen Gegenspieler in seiner Wildheit zu  zügeln und zu beherrschen und darüber hinaus noch Außerordentliches zu leisten.

Andere Varianten
Es gibt auch andere Kinder, bei denen dieser im Bewusstsein wirkende starke Wille ebenso träumt, sein Gegenspieler der organische Wille aber schwach und kraftlos ist. Dann ergibt sich ein verändertes jedoch für viele Kinder typisches Bild. Wir haben einen dann einen nervösen Zappelphilipp vor uns, der seine Unruhe und Unlust nicht beherrschen kann  und auch gar nicht einsehen kann, warum er sich beherrschen soll. Im Bild ausgedrückt, gleicht ein solches Kind einem Schiff mit schlafendem Steuermann, das von den Fluten und Strömungen hilflos hin und her getrieben wird und an so manchem Riff zu stranden und zu kentern droht.
Da solche Kinder immer wieder den Mangel an  der  notwendigen und sie erfrischenden körperlichen Vitalität spüren, leiden sie deshalb oft  unter den verschiedensten Unlustgefühlen und einer sie stets begleitenden mehr oder weniger starken  körperlichen Unbehaglichkeit und seelischen Unsicherheit. Die Unlust führt nicht selten zu einer Verbissenheit, allen Personen gegenüber, die ihnen  Unverständnis entgegenbringen und sie zu irgendwelchen Leistungen gewaltsam antreiben wollen.
Diese Kinder finden  gegen jegliche Art von Anforderung an sie  oft  recht untaugliche  Hilfsmittel, um sich vor Druck und Unsicherheit  zu schützen oder zur Wehr zu setzen.  Die seelische Unsicherheit wird zum Beispiel   mit allen Mitteln überspielt, indem man übertrieben forsch oder auch aggressiv auftritt  Dem Druck weicht man aus, indem  die Arbeit hinausgezögert oder ganz verweigert wird. Viele Schüler mit diesbezüglicher Konstitution fangen  an zu kaspern und zu witzeln, gerade dann, wenn sie etwas eigenständig darstellen sollen. Ängste, zu denen solche Kinder neigen, spielen bei diesem Ausweich- und Ablenkungsmanövern  eine große Rolle. (Siehe Thomas Jachmann; Erziehungskunst  Heft 2  2005)

In den Bewegungsfächern erkennt man diese Art von Willensschwachheit auch an der Schlappheit und Ungeführtheit der Bewegungen. Die Stimme ist oft recht leise.
Der starke aber noch im Bewusstsein schlafende Willen ist  auch bei diesen Kindern deutlich zu bemerken. Denn, wenn sie von Interesse und Freude an der Arbeit ergriffen sind und Sicherheit und Anerkennung verspüren, weicht die Verschlafenheit und unkonzentrierte Unsicherheit einem bewussten und konzentrierten Durchhaltevermögen  und dem dazu gehörigen  Überblick bei vornehmlich geistiger aber auch körperlicher Arbeit. Die körperliche Schwäche, gegen die sie fortlaufend ankämpfen müssen, bleibt jedoch bestehen. Es ist ganz bewundernswert, wie diese Kinder dann mit dieser Schwäche ringen und sich oft das letzte Stückchen  Kraft abkämpfen, um die vorgenommene Aufgabe erfolgreich zu bewältigen.
Je nach der Art, der Stärke und Intensität des Zusammenspiels dieser beiden polaren Willenskräfte ergibt sich eine Vielfalt von Erscheinungsformen, die noch von dem jeweiligen Temperament des Kindes geprägt werden. Allen diesen Kindern ist aber die noch träumerische,  scheinbar unkonzentrierte und oft verständnis- und damit einsichtslose kindliche Verschlafenheit gemeinsam. Ihnen allen fehlt noch sehr die von bewusster Einsicht gelenkte Kontrolle und Führung ihrer Gefühle und Willensimpulse.
 
Fabian fordert die Selbsterziehung des Erziehers
Fabian ist beispielhaft für eine zusehends stärker anwachsende Zahl von Kindern, die nicht nach Ritalin sondern nach einer Erkenntnis und einem anerkennenden Verständnis ihrer besonderen kraftvollen Veranlagung  verlangen. Ritalin legt aber gerade das Gefühl und die Gemütsentwicklung  dieser Kinder lahm und verhindert deshalb grundsätzlich die Möglichkeit, dass diese spezielle, kräftige Willensnatur erwachen kann.
Auf der anderen Seite wird das Gemüt solcher Kinder oft  schon frühzeitig  zu Hause, im Kindergarten und in der Schule verletzt, verbogen und verhärtet, da man ihre Natur missversteht, und ihnen mit Ablehnung und auch oft genug mit Missachtung, Druck und Gewalt an Stelle von Anerkennung begegnet. Dann fehlt ihnen die Möglichkeit durch eine starke, begeisterungsfreudige und vertiefte Gemütsentfaltung die einzig mögliche Grundlage für ein Aufwachen ihres  gesamten Willens zu legen. Ihre Willensentfaltung bleibt einseitig und wild.
 Da die notwendige Einfühlsamkeit und dass notwendige Verständnis gegenüber solchen Schülern nicht aufgebracht werden können , greifen viele Erzieher und Lehrer aus Not zu oft recht untauglichen pädagogischen Mitteln, um dem auffälligen verhalten des Schülers Einhalt zu bieten. Ein solches Mittel ist zum Beispiel eine Art von Maßregelpädagogik. Es werden dabei die verschiedensten Maßregeln ersonnen, mit denen man dem unangepassten  Verhalten des Schülers  begegnet. So werden bei mehrmaliger Verweigerung  oder wiederholter Auffälligkeit und nach vergeblichen Elterngesprächen  verschiedene Abmahnungen vorgenommen, die  am Ende nur zu oft zum Ausschluss des Kindes oder Jugendlichen führen und eine wirkliche vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Schüler blockieren, das heißt unmöglich machen.
Verständnis und Einfühlsamkeit in die jeweilige besondere seelische Natur des einzelnen Kindes  und die fachgerechte Ausbildung, Stärkung und Vertiefung seiner Gemüts- und Willenskräfte sind, dagegen die pädagogische Aufgabe im zweiten Jahrsiebt vom ersten bis zum achten Schuljahr, denn manche Kinder brauchen so lange und noch bis in die Oberstufe hinein ihre Zeit, um als ganzer Mensch zum tatkräftigen Willen erwachen zu können.
 Eine grundsätzliche pädagogische Vorraussetzung für eine solche Willens- und Gemütserziehung ist aber die ausgesprochene Fähigkeit des Erziehers zur eigenen willenshaften Selbsterziehung und Weiterentwicklung, die zur Nachahmung auffordert und allein als Willensantrieb motivierend auf den Schüler wirken kann.

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