Aufbruch in ein neues pädagogisches Zeitalter

Kongress : „Zukunft für Kinder, die aus dem Rahmen fallen“
Vom 25. 06. – 27. 06. in Köln         


Der vom Freien Bildungswerk Rheinland in Köln  veranstaltete Kongress war schon lange zuvor ausgebucht. Ca. 500 interessierte Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Berufen und Fachrichtungen trafen sich zu diesem höchst aktuellen Thema in der Kölner Fachhochschule.
Eine erstaunlich große Anzahl von Vortragsrednern der verschiedensten Fakultäten war zu diesem Kongress geladen worden. So sollten neben den vier schon vom Stuttgarter Kongress „Wie Kinder lernen“ bekannten Referenten : Hennig Köhler, Dr. med. Eckhard Schiffer, Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther und Dr. Georg Kühlewind auch der Sozialpädagoge Prof. Dr. Manfred Gerspach, der Publizist Reinhard Kahl, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr.phil. Rudi Krawitz,, der Leiter des Waldorf-Erzieherseminars Dipl. päd. Peter Lang, der Soziologe Prof. Dr. Otmar Preuß, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Gerd E. Schäfer, die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Sigrid Tschöpe- Scheffler und die Dozentin für Sucht- und Gewaltprävention Felicitas Vogt vortragen.
 Bei einer solchen breiten Auswahl von Rednern mit  ganz speziellen Standpunkten, durfte der Zuhörer sich darauf freuen, das Thema von den unterschiedlichsten Sichtweisen her beleuchtet zu bekommen. Diese Vielfalt der Gesichtspunkte gab dann auch dieser außergewöhnlichen Tagung ihre, herausragende Qualität.

Eine Initiative der anthroposophischen Pädagogik
Wie in den Begrüßungsworten von Frau Prof. Dr. Tschöpe- Scheffler deutlich hervorgehoben, war der Impuls zu dieser Veranstaltung von der anthroposophischen Pädagogik ausgegangen, die auf diese Weise eine willkommene Öffnung, über alle möglichen ideologischen Vorurteile hinweg, gegenüber anderen pädagogischen Richtungen vollzogen hatte. Dem Zuhörer gab diese noch immer nicht alltägliche Zusammenarbeit  von offizieller Wissenschaft und Geisteswissenschaft die willkommene Gelegenheit, an den gemeinsamen Bemühungen pädagogischer Vordenker um ein neues, vertieftes Verständnis unserer heutigen Kinder und Pädagogik teilzunehmen. Darüber hinaus stand das Ringen aller Beteiligten um ein erneuertes Selbstverständnis des erziehenden Erwachsenen ganz besonders zur Diskussion.
Unter der von H. Köhler in seiner Begrüßung erbetenen Voraussetzung einer notwendigen vorurteilslosen gegenseitigen Öffnung gegenüber dem von allen Teilnehmern Vorgebrachten, wurde in den folgenden  Tagen tatsächlich ein innerer Raum geschaffen, in dem die Beiträge der einzelnen Vortragenden sich zu einem sich ergänzenden und gegenseitig beleuchtenden Ganzen zusammenfügen konnten.
An Hand von Auszügen aus einigen Vorträgen soll dargestellt werden, was alle Redner in ähnlicher Weise behandelten.
Autonomes Lernen und erweiterter Intelligenzbegriff
In seinem Eingangsreferat beschrieb Prof. Schäfer einen neuen, erweiterten Intelligenz – Begriff an Hand seiner Beobachtungen von Kindern im Kindergarten- und Schulalter. Indem das logische- mathematische Denken, so betonte er, in der Schule lediglich veranlagt und gefördert wird, werden von 100 Sprachen und Auffassungsweisen, über die Kinder verfügen können, 99 ihnen frühzeitig  genommen. Durch diese vielfältigen Auffassungsweisen der Welt lernen sie in den ersten Lebensjahren das meiste ohne angeleitet zu werden, sie lernen durch eigene Erfahrungen, das heißt sie müssen Bildungsprozesse aus erster Hand, nämlich durch eigene Erfahrungen machen. Dazu benutzen sie alles, was sie an sinnlichen, ästhetischen, emotionalen und gedanklichen Fähigkeiten haben. Bildungsprozesse aus zweiter Hand zum Beispiel durch Erzählung von der Welt  in der Schule, ersetzen nicht die eigene konkrete Erfahrung. Schule, wenn sie nur mitteilt, verkürzt das Bildungsproblem. Wenn das Mitgeteilte die eigenen kindlichen Forschungen ersetzt, dann versiegen viele von den Möglichkeiten wieder, die Kinder genutzt haben, als sie darauf angewiesen waren, ihre eigenen Erfahrungen von der Welt zu verstehen.

Emphatie für die Besonderheit
In Bezug auf das einzelne Kind forderte Prof. Schäfer : Die Wahrnehmung des Kindes, was sich bei ihm zeigt, seine Besonderheit muss im Vordergrund stehen. Nicht der Test kann Aufschluss geben, sondern das Einzigartige an jedem Kind muss empathisch wahrgenommen werden. Für alle Kinder gilt gleichermaßen : Kinder kann man nicht dort abholen, wo sie stehen. Kinder bewegen sich, also muss auch ich mich auf den Weg machen, um ihnen begegnen zu können. Wir müssen uns gemeinsam mit den Kindern mit Interesse begegnen.
Mit einer vortrefflichen menschenkundlichen und fundamentalen Erkenntnis hatte er seinen Vortrag eingeleitet: Verhaltensstörungen sind keine primären und auch nicht genetisch festgelegte menschliche Eigenschaften. Sie ergeben sich aus dem späteren Verhältnis der Kinder und Erwachsenen zueinander.

Intermediäre Dialog- und Spielräume
Dieses Verhältnis zur Welt und den Erwachsenen bedarf besonderer Gelegenheiten, um sich entwickeln und gestalten zu können. Intermediäre Räume, das heißt erlebbare Wahrnehmungsräume als Dialog- und Spielräume ,in denen das Kind leibhaftige gute Erfahrungen machen kann und gut darüber sprechen kann, bilden die Grundlage für eine gesunde seelische und körperliche Entwicklung. In diesem Sinne führte Dr. Schiffer das Thema weiter aus und fuhr fort : „Wer als Kind gut spielt und gut darüber sprechen kann, entwickelt Resilienz ( gesunde Widerstandskräfte) und Koherenz (ein gesundes Lebensgefühl: dass die Welt verstehbar, handhabbar und sinnvoll zu leben ist.) Im Spielen macht das Kind mit allen Sinnen leibhaftige (affektosensomotorische),  Welterfahrungen, die sich seinem Gedächtnis einprägen. Diese Erfahrungen sind aber nicht begrifflicher Natur, sondern wie von Prof. Schäfer beschrieben, beinhalten sie erlebtes sinnliches, emotionales, ästhetisches und prozesshaftes Geschehen.
Die heutigen Kinder kranken sehr oft an mangelnder leibhaftiger Erfahrung, indem sie sich, wie Dr. Schiffer bildhaft zum Ausdruck brachte, zum Beispiel stundenlangen selbstverordneten Hausarrest in Form von Medienkonsum verpassen. Mangelnde leibhaftige Erfahrung bewirkt aber den Drang nach verstärkten Außenreizen, erfordert „Geschmacksverstärker“, die in einem Teufelskreis wiederum von den Medien geliefert werden.
Schöpferische Darstellung und eigene Erfahrung
Weiterhin betonte er: Das Bedürfnis nach Identität und Unterscheidbarkeit und die schöpferische Darstellung des Eigensinnes, das heißt des eigenen Wesens, ist bei allen Kindern existenziell. Vereinheitlichung der Lernstandards und Prüfungsaufgaben widersprechen dagegen einem solchen existenziellem Bedürfnis und führen in Verbindung mit andauernder Bewertung und Benotung zu einem zerstörten Selbstwertgefühl und machen letztendlich krank.
 Vom hirnphysiologischen Standpunkt aus gesehen warf Prof.Hüther den Blick, auf die oft als angeboren bezeichneten Verhaltensstörungen von Kindern. Er erklärte, dass das Hirn im wesentlichen durch die sozialen Erfahrungen, die ein Kind macht, geprägt wird. Selbst mimische Ausdrucksformen sind nicht angeboren. Kulturleistungen werden durch Prägung über das Gehirn weitergegeben und nicht durch einen genetischen Code. Wenn Kinder also keine Gelegenheit haben, Erfahrungen zu sammeln, die sie zum Menschen machen können ,nehmen sie an ihrer Entwicklung Schaden. In den frühen Kinderjahren werden durch Vorbilder die Leitbilder, Ziele, Orientierungen, Haltungen, Verantwortlichkeit, Empathie, Handlungsplanung, Folgenabschätzung und vieles mehr übernommen und all das kann, wie auch Prof. Hüther deutlich unterstreicht, nicht beigebracht werden nicht gelehrt werden, muss erfahren werden.

Geborgenheitssuche und Vernachlässigung
 Eine Erwachsenenumwelt, die in der heutigen Zeit immer stärker die natürliche Suche des Kindes nach Geborgenheit offen oder versteck, bewusst oder unbewusst  nach dem Motto: Ich schenke dir diese Geborgenheit gerne, wenn Du mir dieses und jenes erfüllst, dazu benutzt eigene Vorstellungen, Haltungen und Grundüberzeugungen, in die Gehirne der Kinder hineinzupressen, erzeugt bei diesen Angst und Abwehr. Die ebenso in unserer Wohlstandsgesellschaft zunehmende Vernachlässigung der Kinder führt darüber hinaus zu deren steigenden Selbstbezogenheit und eingeschränkter Wahrnehmung ,Aufmerksamkeit und Motivierbarkeit.
Müssen wir da für die sogenannten ADS- Kinder noch eine zusätzliche genetisch bedingte Stoffwechselstörung des Dopaminhaushaltes  annehmen, um ihre Besonderheiten zu erklären?
Prof. Hüther bezeichnete das liebevolle Vertrauen als diejenige starke Kraft, die dazu führt, dass im Gehirn die richtige Entwicklung stattfindet.
Nahtlos anschließend an diese Ausführungen erklärte Prof. Gerspach, dass die frühen Erfahrungen des kleinen Kindes für es entwicklungsweisend sind und nicht seine genetische Bestimmung. Wir müssen uns dem Erleben von Kindern zuwenden und erkennen, welche Problemfelder heute, bedingt durch unserer Gesellschaft, im Hintergrund bestimmend auf sie einwirken. Welche Veränderungen der Kindheit haben zum Beispiel stattgefunden?
Als ein Hauptproblem, das im Zusammenhang mit ADS zu beachten ist, bezeichnete er ebenfalls die zunehmende Verwahrlosung aber auch die übertriebene Verwöhnung der Kinder. Auch sollte das ADS-Problem nach seiner Auffassung im Zusammenhang mit der Schule gesehen werden, die wie schon dargestellt, unter vielem anderen, die verschiedensten Ängste und  Abwehrhaltungen erzeugen kann.
Für die Diagnose von ADS- Kindern forderte  er mit einem sehr kritischen Blick in Richtung der Ärzteschaft eine saubere Diagnostik mit klaren Begriffen. Den Lehren und Erziehern empfahl er das Augenmerk auf das Besondere des Einzelfalles zu richten, der heute die zu studierende Regel geworden ist. Abschließend  erläuterte er sehr eindrücklich, welchen entscheidenden Einfluss die elterlichen Phantasien bezüglich des Kindes  beziehungsweise die Wertschätzung des Kindes auf seine Entwicklung haben. Dasselbe gilt natürlich auch für seine Erzieher in Kindergarten und Schule.




Vorurteilslose Wertschätzung an Stelle von Fehleranalyse
Der Kern aller bisher gegebenen Ausführungen, dass die autonome sich an der Welt einschließlich des menschlichen Vorbilds orientierende Entwicklung des Kindes heute zu einer Risikoentwicklung geworden ist, erkennbar an der steigenden Zahl von Fehlentwicklungen aller Art, und deshalb einer sachgemäßen Hilfe und liebevollen und von Vertrauen getragenen Begleitung durch die Erwachsenenwelt bedarf, wurde noch einmal in umfassender Weise von Hennig Köhler beleuchtet.
Er forderte im Zusammenhang mit der Erziehung eine gründliche Bewusstseinsänderung als notwendige, unabdingbare pädagogische  Voraussetzung und erster Anfang kindgerechter Erziehung.
Im Mittelpunkt dieses Umdenkens und Fühlens sollte die vorurteilslose Wertschätzung des Menschen stehen. Wenn Prof. Hüther auf die emotionale Wärme als Brutkastenwärme zur gedeihlichen Entwicklung des Gehirns hinwies und Prof. Gerspach die Haltung des Erziehers in ihrer Wirkung bis in die leiblichen Strukturen des Kindes beschrieb, forderte Hennig Köhler, dass jeder Pädagoge zuerst das Besondere die Begabungen des Kindes betrachtet, um erst dann über seine Schwächen, wenn nötig, nachzudenken.
 Diesen Schwächen  oder dem in der Jungend als absonderlich auffallenden Verhalten  gab er aber einen ganz neuen Sinn. Wir sollten uns ernstlich fragen, wenn wir Ungewöhnliches bei einem Kinde bemerken, ob es sich nicht um einen Vorboten einer im späteren Leben auftretenden besonderen und großen Fähigkeit handeln könnte, dessen Bedeutung, jetzt vielleicht nur als unerklärlich und störend empfunden, mit dem spätern Leben zu tun hat. An mehreren Fällen, bei denen  zum Beispiel bedeutende Schriftsteller in der Jugend das Schreibenlernen verweigerten und deshalb mit Fug und Recht nach den heutigen Vorstellungen als waschechte Legastheniker zu gälten hätten, erläuterte er eindrucksvoll seine These. Im Gegensatz zur herkömmlichen Art, die Kinder einer Fehleranalyse zu unterziehen, um etwaigen Störungen und Schwächen vorzeitig auf die Spur zu kommen,  forderte Henning Köhler als neue Bewusstseinshaltung gegenüber Kindern eine durchgängige „Positive Voreingenommenheit“ als Grundlage zu einem vertieften  Verständnis des Kindes.
Mit einem Zitat von Jean Gebser knüpfte Prof. Preuß treffend an diesen Gedankengang an:
„Von der Art des Bewusstseins hängt die Art dessen ab, was wir Wirklichkeit nennen“
Durch seine weiteren Ausführungen wurde die Aufmerksamkeit des Zuhörers jetzt stärker auf den Pädagogen, sein Handeln und sein Bewusstsein gerichtet. Ein weiteres  Zitat  von Jean Gebser  verdeutlichte seine Vorstellungen.
„Wer durch seine Haltung, die vorzüglich eine innerliche ist, wirkt, und auf dieses Wirken kommt es an, wirkt mehr, als er durch Handeln bewirken könnte.“

Seelischer Innenraum
Die Ausführungen der weiteren Redner Felicitas Vogt und Dr. Georg Kühlewind galten ganz besonders der Vertiefung dieser Gedankengänge.
Wie schaffe ich in meinem Bewusstsein einen Innenraum, einen Ort des Schweigens und liebevollen Lauschens, als Voraussetzung zur Begegnung mit dem Kind, fragte Felicitas Vogt und Georg Kühlewind antwortete,  indem ich versuche  für einige Zeit am Tag meinen „Krammenschen“, meinen Gewohnheits- und Erinnerungsmenschen, mein „Michlein“, wie er diesen selbstbezogenen Gewohnheitsmenschen gerne nennt, fortzuschaffen.
Spätestens durch diese Ausführungen wurden entgültig  auf diesem Kongress die Tore zu einem Aufbruch  in ein neues pädagogisches Zeitalter weit aufgestoßen.
Wenn zu Beginn Prof. Schäfer davon gesprochen hatte, dass man sich auf den Weg machen muss, um den Kindern begegnen zu können, so verdeutlichte Georg Kühlewind jetzt diese Aussage und stellte dar, auf welche Weise sich Konzentration und Meditation mit der pädagogischen Arbeit  verbinden müssen, damit wirksame und heilende Erziehung in der Zukunft überhaupt möglich sein kann. „Ändert euren Sinn“ das sagen uns heute die Kinder und jedes auf seine Weise. So endete er seinen Vortrag und man kann mit Jean Gebser, sagen : Nicht auf die Zahl der Menschen kommt es an, sondern auf die Intensität, mit der sie es tun. (Ein weiteres Zitat aus dem Vortrag von Prof.Preuß)
Dieser Kongress hatte  seine große Bedeutung nicht nur durch die Erkenntnisse und neuen Einsichten, die er vermitteln konnte, vielmehr lag seine ganz besondere Wirkung in der Ermutigung, die er denjenigen vermitteln konnte, die sich bereits auf einem ähnlichen Weg nach neuen pädagogischen Zielen befinden.



 



 




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