Die Ausbildung des Gemüts im 2. Jahrsiebt

Dem Klassenlehrer der  Grundschuljahre stellt sich immer wieder neu die dringende Frage nach dem eigentlichen pädagogischen Auftrag, den er mit seiner Arbeit  in der ersten Volkschulzeit bis zum 9.Lebensjahr verwirklichen will. Was ist seine hauptsächlichste Aufgabe als Lehrer und Erzieher in diesem Alter?
Der Schulalltag gibt dem Fragenden da sehr schnell eine Antwort , wenn er die gegebene Schulsituation nach pragmatischen Gründen beurteilt und seine Schlüsse daraus zieht. Die Eltern und auch in vielen Fällen das Kollegium fordern in erster Linie von ihm, dass er in der Klasse die notwendigen Formen und Gewohnheiten anlegt und dafür sorgt, dass möglichst alle Kinder die Anfänge des Lesens, Schreibens und Rechnens erlernen und darin zu einer gewissen Sicherheit gelangen.
Die heutige Zeitlage vertreten durch die Ansprüche und Forderungen der  Eltern an die Schule, scheinen dem Klassenlehrer einen Handlungsrahmen vorzugeben, der ihn immer stärker zwingt , andere pädagogische Sichtweisen in diesem Alter zusehends  außer Acht zulassen.
Klassenuntersuchungen in den ersten drei Schuljahren geben  dem Lehrer und den Eltern Auskunft über den Entwicklungsstand der Kinder, zeigen aber auch wie weit das einzelne Kind Fähigkeiten auf den genannten Gebieten erreicht hat oder eine entsprechende Teilleistungsschwäche,(vielleicht auch nur eine Entwicklungsverzögerung) aufzuweisen hat. In den meisten Fällen ist es dann die Aufgabe der betroffenen Eltern für eine Nachbesserung durch eine spezielle Therapie zu sorgen. Denn die großen Klassenverbände machen es dem Lehrer oft unmöglich, auf spezielle Schwächen einzelner Schüler gesondert und gezielt einzugehen.
Diese tägliche Arbeit an dem scheinbar zwingend vorgeschriebenen Leistungsfortschritt der Kinder kann sehr leicht alle weiteren Überlegungen nach einer ,menschenkundlich begründeten sinnvollen Erziehungsaufgabe des Lehrers in den ersten drei Schuljahren bis zum 9. Lebensjahr verhindern.
Um dieser sinnvollen und notwendige Erziehungsaufgabe näher zu kommen, muss der menschenkundliche Blick zuerst einmal geweitet und aus seiner Verengung auf einen speziellen Lebensabschnitt herausgeführt werden.
Im Hinblick auf das ganze Leben eines Menschen ergeben sich nämlich notwendigerweise ganz andere pädagogische Gesichtspunkte bezüglich dieses Lebensalters im zweiten Jahrsiebt als die oben beschriebenen.
Gerade in den ersten drei Lebensabschnitten liefert  zum Beispiel jedes Jahrsiebt diejenigen Grundlagen, auf denen das nächste Lebensalter mit Notwendigkeit aufbaut. Fehlt also zum Beispiel im zweiten Jahrsiebt die erforderliche Ausbildung der Gemütskräfte, wurde die Welt dem Kinde nicht durch künstlerische Anschauung in Bildhafterweise gefühlsmäßig  nahe gebracht,  so greift der nach dem12. Lebensjahr heranreifende Intellekt seelisch ins Leere, wenn er mit eigener Begriffsbildung nachdenkend die Welt verstehen will. Denn die in den früheren Jahren mit dem Gefühl aufgenommenen Inhalte und die in dieser Zeit entwickelten und ausgebildeten Empfindungen geben jetzt dem Intellekt die Möglichkeit in Freiheit auf schon Bekanntes und gefühlsmäßig Erahntes und Angelegtes zurückzugreifen. Unser Verstand braucht aber diese Grundlage einer schon mit dem Gefühl und Gemüt verinnerlichten Welt , um in einem nächsten Schritt intellektuelles Verständnis aus dem so innerlich, gefühlsmäßig Angelegten und Verstandenem zu gewinnen. Nur aus einer gemüthaft angelegten Fülle  gewinnt im dritten Jahrsiebt der junge Mensch die Kraft, um ein lebenspraktisches und wirklichkeitsgemäßes Denken zu entwickeln. Im anderen Fall entsteht aus einer  seelischen Armut heraus sehr leicht charakterliche Unsicherheit und Haltlosigkeit in den folgenden Jahren nach der Geschlechtsreife.(Siehe GA 309,5)
Betrachtet man den gesamten Lebenslauf des Menschen, so stellt sich die berechtigte  Frage, ob nicht die Erlebnisse der Kindheit eine Auswirkung auf spätere Lebensalter haben. Pädagogisch gesprochen würde das bedeuten, dass eine falsche Erziehung oder Erziehungsfehler in den ersten zwei Jahrsiebten zum Beispiel gesundheitliche Auswirkungen in späteren Lebensaltern haben könnten. Eine zu frühe intellektuelle Schulerziehung wäre dann nicht nur für das gegebene Lebensalter gesundheitsschädigend, sondern hätte darüber hinaus noch seine krankmachende Wirkung beim erwaschenen Menschen, wenn er vierzig oder fünfzig Jahre alt geworden ist. In seinen Vorträgen zur Pädagogik von 1924 in Stuttgart und Bern (GA 308 und GA 309) gibt R.Steiner  eine Fülle von Beispielen dieser Art. Er führt dort aus, dass negative Seelenerlebnisse, die ein Kind in den ersten Lebensjahren zum Beispiel durch einen unbeherrschten Vater oder Lehrer oder durch einen einseitigen intellektuellen Unterricht hat, die Keime legen für eine im späteren Erwachsenenleben auftretende leibliche Krankheit.
Vertieft man sich in solche von der Anthroposophie gegebene pädagogische  Gesichtspunkte, so erweitert sich die eigene Fragestellung zur Aufgabenstellung des Klassenlehrers. Man spürt aber auch sehr deutlich, dass die vermeintlichen Zwänge und Vorstellungen des Alltags  immer wieder diese Weite angreifen und nicht aufkommen lassen wollen. Sogenannte wissenschaftliche Erkenntnisse postulieren Schwächen und Krankheiten des Schülers, wo vielleicht nur unterschiedliche Entwicklungsverläufe vorliegen, die über die tolerierte Norm hinausgehen und  staatliche Erziehungsverordnungen legen einheitlich fest, was zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt gewusst und gekonnt werden muss. (Eine sehr gute und fundierte Darstellung über unterschiedliche Entwicklungsverläufe und zeitliche Bandbreiten in der kindlichen Entwicklung gibt Remo H. Largo in seinem Buch „Kinderjahre“ , München 2000)
Aus vielen Gründen fällt es deshalb dem einzelnen Lehrer immer schwerer, vor Kollegen oder Eltern diesen Glaubenssätzen, dass es Legasthenie oder Rechenschwäche als  wissenschaftlich erwiesenes Krankheitsbild gibt oder dass ein Kind bis zum 4.Schuljahr unbedingt Sicherheit in der Rechtschreibung erlangt haben muss, energisch zu widersprechen. Und doch mehren sich die Beispiele von derjenigen Menschen ,die wie ..... erst mit 14 Jahren Schreiben und Lesen gelernt haben und trotzdem ein gutes Abitur machten oder als sogenannte Legastheniker zu weltberühmten Schriftstellern geworden sind.
Um die notwendige innere Kraft und Sicherheit gegenüber allen Angriffen auf eine Pädagogik aufzubringen, die nicht  der Leistung und der einseitigen Ausbildung von staatlich gewünschten Fähigkeiten, sondern der Ausbildung eines für das ganze Leben gesunden Menschen die Priorität gibt, muss der Erzieher sich eine innere Haltung erwerben, die meiner Erfahrung nach vor allem aus einer Arbeit an der Menschenkunde und deren gemüthafter Vertiefung entstehen kann. Neben dem Studium der Vorträge über Erziehung und Kunst empfehlen sich, wie ich es erlebe, dabei ganz besonders die Vorträge GA 205 bis GA 208.

Was geschieht aber menschenkundlich betrachtet in der Zeit nach dem Zahnwechsel?
In der Zeit von der Geburt bis zum Zahnwechsel waren Leib Seele und Geist noch eine Einheit , die in einem direkten, unmittelbaren Zusammenhang stand. Der seelisch-geistige Eindruck (unter geistig ist hier in der Hauptsache moralisch zu verstehen), den ein Kind zum Beispiel durch eine Geste des Erwachsenen empfing, setzte sich wie reflexartig ohne eine dazwischen geschaltete Überlegung in eine organische Gestaltung um, hatte seine unmittelbare Auswirkung im Organismus des Kindes. Anders ausgedrückt arbeitet das Kind bis zum Zahnwechsel mit seinem Ich oder Ichleib (Bewusstseinseele, Verstandes- und Gemütsseele und Empfindungsseele) mit Hilfe des Empfindungsleibes an der Umgestaltung seines Modelleibes zum eigenen Leib.
In Verlauf des Zahnwechsel ändert sich das Bild : Die in den ersten Jahren über den Empfindungsleib in die physische Leiblichkeit hineinarbeitenden Kräfte der vom Ich gelenkten Empfindungsseele ändern ihre Richtung. Sie befreien sich von ihrer Tätigkeit an der physischen Organisation des Kindes, das heißt, aus den gestaltenden, am physischen Organismus arbeitenden  Lebenskräften werden seelische Kräfte. Die Empfindungsseele und späterhin die Verstandes- und Gemütsseele als Grundlage für spätere bewusste von Ich gelenkte Vorstellungen beginnen sich auszubilden. Damit beginnt aber auch ein von nun an  stetiger Kampf der Seele und des mit ihr verbundenen Bewusstseins gegen das bloß Körperlich-Lebendige. Die Nahtstelle in diesem Kampf bilden der Empfindungsleib als feinste Ausgestaltung des Ätherleibes und die Empfindungsseele als unterstes Glied des Ichleibes des Menschen. R.Steiner beschreibt den Ätherleib in seinen Vorträgen .“Das Wesen des Musikalischen“ (GA 283 , Vortag  03. 12. 06)  als ein ätherisches Urbild des physischen Leibes „Ein noch feinerer Leib, der dem Ätherleib verwandt ist und zu dem Astralen hinneigt, ist der Empfindungsleib.“ Mit dem physischen Leib, Ätherleib und Empfindungsleib als drei Stufen physischer Leiblichkeit ist die Empfindungsseele innig verbunden, sodass Empfindungsseele und Empfindungsleib eine Einheit bilden. Dadurch ist die Seele also mit dem physischen Leib verbunden. „Wenn der Mensch schläft, liegt im Bett mit dem physischen und Ätherleib der Empfindungsleib, die höheren Glieder, also auch die Empfindungsseele sind in der Welt des Devachans“. (GA 283, ebenda) In der Zeit des 9.Lebensjahres (Rubikon) entsteht diese nächtliche Trennung von Leib und Seele. Vorher bilden Leib und Seele eine solche Einheit, dass sich die Seele auch im Schlaf nicht vom Leibe trennt. Dieser wechselnde Seelenrhythmus spiel sich erst in der Zeit um das dritte Schuljahr ein.
 
Indem die Einheit von Leib Seele und Geist sich langsam auflöst und eine größere Eigenständigkeit entsteht, bildet sich an der bezeichneten Nahtstelle im Kampf gegen das nur Körperlich- Lebendige das Empfindungs- und Gemütsleben des Kindes aus.
R. Steiner schildert diesen Kampf in den oben genannten Vorträgen „Man muss wissen, dass das ganze Bewusstsein entsteht aus einer Art Überwindung der äußeren Welt. Was dem Menschen als Lust ,als Freude zum Bewusstsein kommt, bedeutet den Sieg des Geistigen über das bloß Körperlich-Lebendige, der Empfindungsseele über den Empfindungsleib.“ (GA 283,  Vortrag 12.Nov. 06) Ein Sieg des bloß Körperlich- Lebendigen-Empfindungsmäßigen über das bewusstseinstragende Seelische äußert sich dementsprechend in Schmerz, Unlust und Trauer. R.Steiner schildert das Entstehen, die Ausbildung dieser Gefühle in Zusammenhang mit  musikalischen Erlebnissen von Dur und Moll. Wenn man sich in solche Gedankengänge hineinfühlt, lernt man zu begreifen, welche tiefe Bedeutung die Musik für die Ausbildung des kindlichen Gemütes hat, „da sie in unserer Seele die tiefsten Saiten anrührt und erklingen lässt“ (GA 238, ebenda)
Die Musik wirkt in unbildlicher Form direkt auf die Seele, die malerischen und plastischen Künste wirken durch das künstlerisch gestaltete Bild. Das künstlerische Bild lässt sich nicht durch abstrakte Begriffe begreifen und seine Entstehung kann nicht auf abstrakte Gesetze zurückgeführt werden. Auch mit der feinsten Logik lässt sich ein Gemälde von Monet nicht erklären. Nur mit einer ebenso künstlerischen Auffassung, die sich selber der Bildhaftigkeit bedient, wenn sie verstehen will, kann die Kunst von dem Gemüt des Menschen erfasst und begriffen werden. Daran anschließend erhebt sich die Frage, ob nicht die Natur selber ebenso in diesem Sinne künstlerisch schafft? Begreife ich letztendlich nur die leere, tote Außenseite der Natur, wenn ich sie lediglich durch Naturgesetze und mit abstrakter Begrifflichkeit und Logik erfassen will?
 Wenn die Natur aber künstlerisch schafft, „dann lässt sie sich eben nicht mit solchen Erkenntnistheorien einfangen; dann muß sie eben in Bildern begriffen werden“ Nicht wir können der Natur vorschreiben, wie sie begriffen werden muß, „wir müssen es ihr ablauschen wodurch sie sich begreifen lassen will“  (Siehe: GA  205, 2)
Diese Fähigkeit, der Natur ihre Geheimnisse mit dem Gemüt ablauschen zu können, muss sich der Erzieher aneignen. Dann kann er auch nicht anders, als sie im künstlerischen Bild an das Kind heranzubringen. Dieser Erkenntnishaltung entspricht aber vollständig die Gemütsverfassung des Kindes im frühen Schulalter. An sie kann und muss man als Erzieher anknüpfen. Alles Wahrgenommene hat für das Kind einen bildhaften, symbolisch gefärbten Charakter. Das Vorstellungsleben ist phantasie- und gefühlsdurchdrungen. Diese Bilderwelt bildet für das Kind bis zum 9.Lebebsjahr die Verbindung zur Welt. Sie hilft ihm die gegebene Wirklichkeit erfahrbar und verständlich zu machen. Das langsame Aufwachen zum verstandesmäßigen Begreifen beginnt mit dem staunenden Betrachten, das heißt, mit dem Hingegebensein an das Bildhaft-Sinnvolle, dass mit dem Gemüt aufgenommen wird.
Eine unerschöpfliche Quelle zum Lernen und zur Verinnerlichung des Erlebten durch das Gemüt bildet das von der Phantasie getragene kindliche Spiel. Es übernimmt in der ersten Schulzeit eine wichtige Aufgabe. Es bildet die Grundlage zur Entwicklung von Initiative, Hingabefähigkeit, Kreativität, Sinnfindung und Interesse. Im Spiel entwickelt das Kind eine für das menschliche Seelenleben urbildliche Kraft : die Phantasie.
Schöpferische, fragende Phantasietätigkeit entwickelt sich vor allem in einer spielerischen Welt, die nicht durch eine strenge Logik in ihren Möglichkeiten begrenzt wird. Künstlerische Phantasie gestaltet aber nicht willkürlich. Sie verleit vielmehr dem Seelenleben des Menschen mit innerer Gesetzmäßigkeit Gestalt und Ausdruck.
Im Spiel entwickelt das Kind ureigenste, Schöpferische Bilder als Antwort auf Fragen an die Welt.
Hieraus ergibt sich, wie wichtig für das Kind die Möglichkeit zum freien Spiel in der Schulzeit ist. Aber auch die immense Bedeutung des Klassenspiels und der spielerischen Darstellung von Lerninhalten wird dadurch ersichtlich. Das „spielerische“, phantasievolle Lernen durch künstlerische und praktische Tätigkeit und die Gemütsbildung durch künstlerisch gestaltete, bildhafte Inhalte  muss daher den Scherpunkt aller schulischen Tätigkeit in den ersten drei Schuljahren bilden.
Ein solcher in der Kindheit angesammelter „Vorrat“ lebendiger Bilder und geahnter Weisheiten wie sie in der Volkschulzeit zum Beispiel durch die Märchen , Legenden und Sagen gegeben werden, die auch selber nachgespielt werden, bildet einen unerschöpflichen seelischen Kraft- und Gesundheitsquell für den Menschen im späteren Alter, aus dem er im Verlaufe seines Lebens immer wieder schöpfen kann.
Grundsätzlich aber bildet eine solche Ausbildung des Gemütes die unabdingbare Vorraussetzung für die Entwicklung eines wirklichkeitsgemäßen und kraftvollen Denkens und Verstehens und eine seelische Stabilität im folgenden Jahrsiebt.
Die hier dargestellten Überlegungen und Erfahrungen sollen dem Leser Mut machen, über den oftmals sehr kraftraubenden und die pädagogische Sichtweite einengenden Schulalltag hinaus aus den kraftspendenden Quellen vermehrt zu schöpfen, die einem der Umgang mit der Kunst und der Menschenkunde eröffnen können.







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