Ist der Mensch auf den Hund gekommen?

Eine Studie über die Sinnesfähigkeit und menschliche Fähigkeitsstruktur in unserer Zeit

Der Mensch wird durch seine Sinne bestimmt
Ist der Mensch auf den Hund gekommen oder anders ausgedrückt : Ist das menschliche Großhirn nur ein weiterentwickeltes Riechorgan mit dem sich der Mensch, als eine Metamorphose des Riechens ,intellektuell die Welt erobert? Diese etwas peinliche Frage muss sich nicht nur auf den Ursprung unseres Intellektes beziehen. Inwieweit wird beim heutigen Menschen nicht auch die Gesamtheit der Sinne von einzelnen oder einer bestimmten  Gruppe von Sinnen dominiert und  zunehmend tyrannisiert? Sind vielleicht alle Sinne vom Riechen infiziert und inwieweit verändert sich dadurch auch die auf den Sinnen aufbauende menschliche Fähigkeitsstruktur?

Der Mensch kann zu Recht als ein Sinneswesen charakterisiert werden. Der Gesichts- und Hörsinn fallen dem Betrachter dabei ganz besonders ins Auge. Denkt man sich alle Eindrücke, die der Mensch durch die beiden genannten Sinne empfängt, aus dem Bewusstsein fort, so verschwindet fast der gesamte Inhalt des normalen Tagesbewusstseins. Dabei empfängt der Mensch fortlaufend  kombinierte Eindrücke von allen zwölf Sinnen. Allerdings wird nicht jeder Sinn mit der gleichen Bewusstseinshelligkeit wahrgenommen. Der Tast-, Lebens-, Bewegungs- und Gleichgewichtssinn werden zum Beispiel eher gefühlsmäßig- träumend erfasst. Geruchs-, Geschmacks-, Seh-, Wärme-, und Hörsinn fallen als die typischen fünf Sinne, die man „immer beisammen halten soll“ viel deutlicher ins Bewusstsein. Wort-, Gedanken- und Ich-Sinn geben uns ebenso Eindrücke von der Welt, werden aber gegenüber den Wahrnehmungen durch die  anderen  Sinne nur als matte Vorstellungen erlebt.
In der naturwissenschaftlichen Sichtweise des Menschen gibt es diese drei zuletzt genannten Sinne schon deshalb nicht, da sich für sie kein spezielles Organ so leicht
 nachweisen lässt.
Alle zwölf Sinne zusammengenommen vermitteln uns aber unser Weltbild, unsere Welterfahrung und Innenwahrnehmung. Unsere Sinnesfähigkeit bildet auch die notwendige Grundlage für die Entwicklung  aller weiteren menschlichen Fähigkeiten. So gibt es ohne Bewegungssinn keine Bewegungsfähigkeit und ohne den Gleichgewichtssinn keine Aufrichte – Fähigkeit ohne den Sehsinn aber auch kein Formgefühl und Schönheitssinn. Dennoch kann ein einzelner ausgefallener Sinn durch einen anderen teilweise ersetzt werden. Hellen Keller lernte ohne hören und sehen zu können, sprechen, schreiben und lesen, wobei ihr bezeichnender Weise der Tastsinn zu einem großen Teil die fehlenden Sinne ersetzte.
Je nach Zeitalter wurden nun die verschiedenen Sinne unterschiedlich geschätzt, eingesetzt und ausgebildet. Dem entsprechend entwickelten sich auch die darauf aufbauenden menschlichen Fähigkeiten in ganz anderer Weise. Während Goethe seinen Türmer noch sagen lassen kann: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“ könnte man einem Michael Schumacher bezüglich der Sinnesfähigkeit heute die Worte in den Mund legen :“ Zum Bewegungssinn geboren, zur schnellen Reaktionsfähigkeit bestellt...“ (Wer jemals Rennfahrer am Computer gespielt hat, weiß aus eigener ungewohnter Anstrengung , wie schwierig es ist, in diesem Falle den Bewegungssinn intensiv mit dem Sehsinn zu verbinden,  um den blitzschnellen optischen Wendungen des Spielablaufes folgen zu können.)
Für den Türmer offenbart sich in der Wahrnehmung noch ein höheres Wort, eine höhere Sprache und Begrifflichkeit, er sieht in allem „ die höhere Zier“. In den Augen des alten Griechen drückte alles harmonisch Schöne sogar noch Götterebenbildlichkeit aus und wurde als solche auch wahrgenommen. Für den heutigen Menschen ist eine ganz andere Sichtweise charakteristisch. Er tastet im Sehen durch das Teleskop den Himmel ab oder durch das Mikroskop die Zelle. Als Fahrrad- Autofahrer und Pilot verbindet er mit Auge und Ohr intensiv den Tast- Bewegungs-, und Gleichgewichtssinn. Der ehemalige Bestseller- Roman „Das Parfüm“ (2.) zeigt darüber hinaus, wie der heutige Mensch als „Nasenspezialist“ sich mit der Welt beziehungsweise mit dem Partner verbindet. Ist auch der Ich -Sinn vom Riechen korrumpiert? Erriechen wir heute das spezifisch Persönliche des anderen Menschen? Müssen wir ihn zuerst beschnuppern, um ihn kennen zulernen, so wie es für alles heute  Schnupperkurse gibt?  Sind wir tatsächlich Hundekollegen zweiter Klasse geworden?
Auch in der Sprache drücken wir aus, dass wir im Sehen und Hören schmecken/ riechen. Wir sprechen von einem schlechten Farbgeschmack oder bezeichnen jemanden als geschmacklos, wenn wir von ihm eine unpassende Ausdrucksweise vernehmen.
Rudolf Steiner kommentiert diesen Tatbestand, der nicht immer so bestanden hat wie folgt :“Ich möchte sagen, wir haben unsere Vollendung als Menschen heute nicht dadurch, dass wir die höheren Sinne ausgebildet haben, sondern eben dadurch, dass wir uns eine etwas umgestaltete, eine metamorphosierte verfeinerte Hundeschnauze angeschafft haben.“ (3.)

Der untere und der obere Mensch
Der Begriff „höhere Sinne“ wird von R.Steiner in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht wertend gebraucht. Er bezieht sich auf eine Einteilung der Sinne in sechs höhere/obere (Ich-Sinn, Gedankensinn, Wort-/Sprachsinn, Hörsinn, Wärmesinn, Sehsinn)
und sechs untere Sinne (Geschmack – Tastsinn).
Im spezifisch menschlichen Seelenleben bilden die sechs oberen Sinne den gewöhnlichen Seeleninhalt. Natürlicher Weise richten wir auch auf diese Sinne unsere konzentrierte Aufmerksamkeit. Alle Wahrnehmungsübungen können sich auf sie beziehen. Indem man solche Übungen aber gezielt auf das Schmecken und Riechen ausdehnt, verbindet man sich, wie schon angedeutet, mit demjenigen Seelenbereich, den der Mensch mit dem Tier gemeinsam besitzt. Die vier weiteren unteren Sinne werden immer undeutlicher wahrgenommen und spielen nur wie traumhaft in das seelische Innenleben des Menschen hinein. (4.)
Des weiteren lassen uns  im Normalfall die Eindrücke, die wir durch die oberen Sinne empfangen auch frei. Wir müssen nicht zwingend ein Gefühl mit ihnen verbinden. Ein Sonnenaufgang  oder ein Musikstück kann, muss uns aber nicht erfreuen . Wir sind in der Lage beides teilnahmslos über uns hinweggehen zu lassen. Ein Geschmacks-/Geruchserlebnis lässt uns in der Regel aber nicht so leicht unberührt. Ein Schluck Essig oder der Geruch von faulen Eiern rufen in jedem Falle eindeutige Reaktionen hervor. Auch mit den anderen unteren Sinnen sind wir mehr oder weniger stark gefühlsmäßig verbunden.
Von den oberen Sinnen erwarten wir jedoch, dass wir sie einigermaßen objektiv gebrauchen. Wir empfinden es als menschliche Schwäche und beurteilen es unter Umständen sogar moralisch, wenn jemand bei jeder Meinung, die der seinigen widerspricht, das Gesicht verzieht, als hätte er sauren Essig getrunken. Ich muss in der Lage sein, einen fremden Gedankengang objektiv nachvollziehen zu können, sonst trifft mich sehr leicht der moralische Vorwurf der Intoleranz.
Nicht zuletzt unterscheiden sich obere und untere Sinne sehr deutlich von einander durch die Art, wie ich mich selbst  bei der entsprechenden Wahrnehmung mitempfinde.
Im Riechen, Schmecken bis hin zum Tasten konzentriere ich mich zunehmend neben der Wahrnehmung auf mich selbst. Das Eigenerleben ist zu einem großen Teil an diese Sinne gebunden.
Im Sehen und Hören, im Wahrnehmen des anderen und seiner Gedanken richte ich meine Aufmerksamkeit von mir weg, zum anderen hin. Je mehr ich mich dabei vergessen kann, desto intensiver nehme ich wahr. Wir beginnen hier ebenfalls moralisch zu werten, wenn der andere immer nur sich selbst zuhört oder nur sich selbst wahrnimmt.
Ganz im Gegensatz dazu ist es vollkommen berechtigt und notwendig mit den unteren Sinneseindrücken auch eine fortlaufende Eigenwahrnehmung zu haben. In dieser Eigenwahrnehmung erleben wir unsere alltägliche Ich-Empfindung, spüren wir in berechtigter Weise unser Ego.
 Die oberen Sinne erlebt man  vornehmlich in der bildhaften Vorstellung Durch die Erinnerung verleihen wir diesen Erlebnissen eine gewisse Dauer. Wir können mit ihnen aber nur ein sehr flüchtiges und blasses Wirklichkeitsgefühl verbinden. Auch die Erinnerung schafft gegenüber der Wirklichkeit nur sehr verblasste Vorstellungen.
Unser Seinsgefühl verbinden wir mit unseren unteren Sinnen. Das Gefühl durch die unteren Sinne mit der Welt stärker seinsmäßig verwurzelt zu sein, kann sich noch verdeutlichen, wenn man betrachtet, wie mit dem Geschmackserlebnis immer auch ein objektiver chemischer Prozess verbunden ist oder der Lebenssinn Organprozesse, die ganz objektiv im Körper verlaufen mit einem Gefühl verbindet. In gleicher Art lassen der Bewegungs- und Gleichgewichtssinn die Erdschwere und die drei Raumesdimensionen fühlbar werden. Mit den unteren Sinnen ist der Mensch mit Sympathie und Willen der Welt hingegeben.

Der Sinnesverlust wird kompensiert
 Nach diesen Ausführungen können wir zu den Ausgangsfragen zurückkehren. Haben wir uns heute durch die Ausbildung der unteren Sinne nur die erwähnte verfeinerte Hundeschnauze erworben, die die vernachlässigten oberen Sinne dominiert?
Darüber hinaus beklagt man aber auch das zunehmende Nachlassen der unteren Sinne.

Den Sinnesverlust in den beiden Sinnesbereichen kompensiert der heutige Kulturmensch in unterschiedlicher Weise. Bertachten wir zunächst die oberen Sinne. Verbinden wir da beim alltäglichen Hören und Sehen mit jeden Sinneseindruck auch eine entsprechend intensive Empfindung und gewinnt man einen wirklichen Eindruck? In der Regel wissen wir doch schon, was der andere sagen will oder wir schauen hin und haben sofort einen Begriff für die Sache parat, ehe wir überhaupt genau darauf geblickt  haben. Wir machen uns von dem Gehörten/Wahrgenommenen sofort einen Begriff und lassen uns auf den eigentlichen Eindruck gar nicht mehr ein. Wir nehmen uns weder die Zeit noch machen wir uns die Mühe uns mit der Wahrnehmung empfindungsmäßig zu verbinden, uns auf sie einzulassen. Ganz besonders gilt dieses Schubladendenken für die Wahrnehmung eines anderen Menschen. In Alltag begnügt man sich oft damit, den anderen nur kurz nach bestimmten Standartkriterien zu taxieren und gewinnt keinen lebendigen Eindruck von ihm.
Die oberen Sinne werden heute empfindungsmäßig  durch den Intellekt ausgetrocknet und sind außerdem zu passiven, oberflächlichen und oft gefühlsmatten Zuschauern der Welt geworden.
Diese mangelnde Erlebnisfähigkeit ersetzt aber der Mensch, indem er die unteren Sinne, deren Gefühlsverbundenheit, Eigenwahrnehmung und Seinsverbundenheit, wie dargestellt, stärker ist, in die oberen Sinne hineinlegt.
Dadurch glaubt er, die zunehmende abstrakte Blässe der oberen Sinne aufheben zu können. Gleichzeitig hofft er auch  in diesen Bereichen ein größeres Seinsgefühl und sich selber zu erleben. Es wird geschnuppert und getastet, wo zum Beispiel Ich-Sinn und Gedankensinn selbstlos zur Geltung kommen sollten. 
In den unteren Sinnen führt die zunehmend nur mangelhafte Ausbildung zu einem ansteigenden Verlust des mit ihnen verbundenen natürlichen Seinsgefühls und des Selbstempfindens. Diese immer stärker empfundene  Leichtigkeit der Persönlichkeit und der Mangel an Selbstempfindung führen zu einer wachsenden Unsicherheit und Verlustangst. Auch hier gibt es viele Möglichkeiten diese zunehmenden Schwächen zu übertönen. Das Aufsuchen extremer Lebenssituationen, um sich in seiner körperlichen Stärke und Fitness zu beweisen und zu erleben, gehört zum Beispiel hier her. Extremes Kletten oder Springen und alle anderen Extremsportarten, (wie auch das erwähnte Rennfahren), erfüllen unter anderem ihren Zweck, indem sie das nötige Seins – und Selbstgefühl, das die Sinne  des unteren Menschen nicht mehr so recht vermitteln  können, verstärken sollen.

Glauben und Wissen
Das allgemeine Nachlassen der Aktivität und der Erlebnisfähigkeit des gesamten Sinnesmenschen und die spezielle Art, diesen Verlust durch das Heraufheben des unteren in den oberen Sinnesbereich zu kompensieren, haben aber auch Auswirkungen auf die Entwicklung der Grundfähigkeiten (Basisfähigkeiten) ,die auf den Sinnen aufbauen. In dem genannten Unterschied zwischen dem alten Griechen, dem Türmer und dem modernen Forscher und Rennfahrer  wird diese  Veränderung nur allzu deutlich.
 
Durch die Intensivierung und Verlebendigung der oberen Sinne, indem zum Beispiel prozesshaftes Sehen ,Klangfiguren erfassendes Hören, einfühlsames Mitdenken und lebendiges Erleben der Intensionen des anderen eingeübt wird, kann sich der Mensch mit dem Lebendigen, Wesenhaften in der Welt wieder verbinden. Die durch den Intellekt vertrockneten und abstrakt gewordenen Beziehungen zur Welt und dem Mitmenschen gewinnen dadurch wieder konkreten und lebendigen Inhalt. Der alte Grieche gewann religiöse Erfahrungen noch ganz lebendig im Erleben der Götterwirksamkeit  durch die Sinne. Für den Türmer  ist das Götterwirken im Schauen schon zu einer recht abstakten „ewigen Zier“ geworden. Für uns sind die einstmals lebendigen Inhalte der Religion schon seit langem zu einer reinen Glaubensfrage verblasst und stehen nach der allgemeinen Auffassung im Gegensatz zur erkenntnismäßigen Erfahrung der Welt durch die Naturwissenschaften. (5.)
Das naturwissenschaftliche Wissen in Form von Naturgesetzen beziehen wir aber aus dem unteren Menschen, aus seiner Seinsverbundenheit und Sinneshaftigkeit.(6.)
Das Erfahren der drei Dimensionen des Raumes, der Erdenschwere und Erdenbewegung werden zum Beispiel tief unbewusst  sozusagen im Tiefschlaf wahrgenommen und als geometrische Form oder Naturgesetzmäßigkeit im Tagesbewusstsein gespiegelt und als solche wiederum in die Sinneswelt gelegt.(7.)

Indem sich der Mensch in den letzten Jahrhunderten instinktiv bei seinem Welterkennen auf die untern Sinne gestützt hat, entwickelte er  die speziellen Fähigkeiten, die zur Erlangung eines wissenschaftlichen, materialistischen, modernen Weltbildes notwendig waren. Die alten durch eine lebendige Anschauung der oberen Sinne gewonnenen Fähigkeiten und die daraus resultierenden Erkenntnisse über das lebendige in der Welt gingen jedoch immer mehr verloren.


Selbstvergessene Hingabe an die Welt
Unserer einseitig nur durch eine logisch- abstrakte, mathematische Intelligenz zu erfassenden Weltsicht stehen heute neue aufkeimende Intelligenz- und weitere 
Seelenfähigkeiten gegenüber, die sich bei der jungen Generation in den letzten zwanzig Jahren mehr und mehr gezeigt haben.(8.)
Da fällt als erstes eine selbstverständlich auftretende Feinsinnigkeit der Jugend im Bereich der oberen Sinne sehr stark ins Auge. Religiöse Erfahrungen, lebendige Naturverbundenheit und feinfühlige zwischenmenschliche Offenheit werden als normale Lebenstatsachen angesehen und gelebt. Mit einem Wort: Es wird ein natürliches, liebevolles und selbstloses Hingegebensein an die Welt durch die oberen Sinne entwickelt. Woher kommen diese neuen Fähigkeiten? Wie sind sie zu verstehen?
Wir sagten: Mit den unteren Sinnen ist der Mensch mit Sympathie und Willen
der Welt hingegeben.
Das ganz kleine Kind schläft noch träumend in den oberen Sinnen, ist aber durch die unteren Sinne willenshaft und in vorbehaltsloser Liebe mit der Welt verbunden. Indem die oberen Sinne langsam erwachen, beginnt sich der Mensch aus dieser Verbundenheit zu lösen. Mit dem aufkeimenden bildhaften Vorstellungsleben trennt sich die Welt für ihn immer mehr in Wahrnehmung und begriffliche Vorstellung. Durch die unteren Sinne strömen ihm Seinsgefühl und weiterhin liebevolle Weltverbundenheit zu.
Wenn mit ca. zwei Jahren das kleine Kind anfängt Ich- Bewusstsein zu entwickeln, beginnt ein weiterer bedeutsamer seelischer Prozess immer stärker hervor zu treten.
Mit der Wahrnehmung durch die unteren Sinne wird in zunehmenden Maße das Eigenerleben entwickelt. Dieses Eigenerleben wird aber als Ich-Bewusstsein gedeutet und in diesem Sinne gewinnt  der Mensch also sein Persönlichkeitsbewusstsein aus den unteren Sinnen. In dieser Art ist seine Ich-Empfindung an den Leib gebunden(9.)
In dem Grade mit dem dieses sich selber Empfinden zunimmt, trennt das Kind immer mehr zwischen Ich und Welt, indem die Sinneswelt durch die oberen Sinne distanziert, bildhaft vorgestellt wird und das Ich- Erlebnis mit den unteren Sinnen verbunden wird. Diese Polarisierung zwischen Ego und Welt verlangt aber nach einem Ausgleich, wenn sich der Mensch nicht ganz in sich verschließen soll. Das liebevolle, sympathiegetragene Seinsempfinden muss sich in richtiger Weise mit dem oberen Menschen verbinden und seine Öffnung nach außen bewirken. Dort kann aber Sympathie nur in freier selbstloser Art wirksam sein. Wir haben dargestellt wie ein Sinneseindruck durch das Auge, Ohr oder durch den Gedanken- und Ich- Sinn nicht zwingend mit einer entsprechenden Empfindung oder einem Gefühl verbunden sein darf. Im Zustand wirklicher Aufmerksamkeit, selbstvergessener Versunkenheit in die Anschauung ist eben auch die Selbstempfindung ausgeschaltet. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Dinge ihr Wesen selbst aussprechen können. In den oberen Sinnen erfährt  die Liebe  eine Verwandlung eine Läuterung, da verbindet sie sich selbstvergessen mit der Welt. Die für die Erlangung eines alltags Ich-Bewusstseins so nötige Selbst- oder Eigenempfindung schafft aber eine nur sehr schwer zu überwindende Barriere, um diese so wichtige Metamorphose zu ermöglichen.
Nur allzu leicht klammert sich der heutige Mensch an dieses Selbstgefühl und trägt die damit verbundene Eigenliebe, wie schon beschrieben, unverwandelt zusammen mit dem Seinsempfinden und weiteren Gefühlen in den oberen Sinnesbereich ,indem er die unteren Sinne in den oberen Menschen heraufhebt.

Seelische Öffnung der jungen Generation
An diesem Punkt aber bringen immer mehr junge Menschen heute eine ganz neue Seelenanlage mit, die es ihnen ermöglicht, diese Hemmschwelle zu überwinden und die Metamorphose in richtiger Weise zu vollziehen. In einem Bereich höherer Seelenregionen finden wir das Vorbild für diese Anlagen. Rudolf Steiner charakterisiert diese Seelenregionen in denen als Grundkräfte  Antipathie und Sympathie wirken, folgendermaßen:  „Sofern die Antipathie in Betracht kommt, strebt das Seelengebilde nach etwas anderem um seines Eigenlebens willen, um sich selbst durch das andere zu verstärken und zu bereichern. Wo die Antipathie schweigt, da wird das andere als Offenbarung, als Kundgebung hingenommen. (...) Die Antipathie bewirkt das eigensüchtige sich geltend machen, dieses tritt aber zurück hinter der Hinneigung zu den Dingen der Umgebung.“ (10.) In diesen höheren Seelenräumen, in denen die Antipathie als Seelenkraft schweigt und zurücktritt, sind diejenigen Fähigkeiten zu Hause, die von der Jugend in steigendem Maße  gezeigt werden.
Die Seelenkraft der Antipathie bewirkt die Begriffsbildung und ist die Grundlage der Vorstellungsbildung.  Als solche fördert sie das abstrakte selbstbezogene Wahrnehmen (11) Die Rücknahme der Antipathie bezieht sich auf den oberen Menschen und wirkt der selbstbezogenen intellektuellen Austrocknung der Sinne entgegen (12).
Darüber hinaus bewirkt diese Anlage, dass alle Kinder heute eine größere seelische Dünnhäutigkeit bezüglich ihrer Selbstempfindung mitbringen, das heißt ein geringeres Maß an Selbstempfinden aufweisen.(13) Dadurch sind sie nicht nur feinsinniger, sondern können auch den Verwandlungsschritt von der selbstbezogenen sympathischen Verbundenheit des unteren Menschen zur selbstlosen, liebevollen Hingabe an die Welt durch die oberen Sinne leichter vollziehen, da sie dabei nicht so stark an dem Selbstgefühl haften bleiben und mit diesem die anderen Seelenfähigkeiten selbstsüchtig in den oberen Menschen mitnehmen.

Die neuen Intelligenzfähigkeiten kommen kurz gesagt dadurch zustande, dass sich auf Grund der wiederbelebten, aktiv mit der Welt verbundenen oberen Sinnesfähigkeit neue Seelenfähigkeiten entwickeln, die sich mit den vorhandenen Intelligenzkräften verbinden.(Ältere Kulturen besaßen einst, wie beschrieben, ähnliche Fähigkeiten, aber verbunden mit einer anderen Bewusstseinsstruktur). Kreative, künstlerische, soziale und praktische Intelligenzen werden aber zur Bewältigung unserer immer komplizierter werdenden Lebens- und Weltverhältnisse dringend benötigt.
In den jungen Menschen sind also durchaus Seelenkräfte vorhanden, die in der Lage wären, der Menschheit über die Entwicklungsstufe einer „ verfeinerten Hundeschnauze“ hinweg zu helfen, wenn sie sich in richtiger Weise und mit freier Entfaltung in unsere Kultur einleben könnten. Nur dann hätte unsere Kulturmenschheit eine Change  in Bezug auf ihre vollmenschliche Sinnes- und Fähigkeitsentwicklung in der Zukunft wiederum eine lebendige und menschenwürdige seelische und geistige Beziehung zur Welt  zu gewinnen. 


1. Siehe  Allgemeine Menschenkunde 2.Vortrag
2. Siehe   Das Parfüm von Patrik Süskind
3. Siehe  GA 206  Vortrag vom 23. Juli 1921
4. Siehe  GA 206  Vortrag vom 22. Juli 1921
5. Siehe  GA 206  Vortrag vom 23. Juli 1921
6. Siehe  GA 293  3. Vortrag Menschenkunde
7. Siehe  ebenda
8.    Siehe Thomas Jachmann Das Goetheanum   Nr.22   1. Juni  2003
9.    Siehe  Theosophie: Taschenbuchausgabe von 1962   S.90
10.     Siehe Theosophie: Taschenbuchausgabe von  1962  S 80 ff.
11.    Siehe  Allgemeine Menschenkunde 2.Vortrag                                                
12.    Siehe  Thomas Jachmann Lehrerrundbrief Nr.78    2003
13.    Siehe Thomas Jachmann  Erziehungskunst Nr.12  2003










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