Kinder brauchen eine Erziehung ohne rituellen Zwang und Strafen

Kai ist mittlerweile ein Zweitklässler geworden. Er hat im ersten Schuljahr nach Weihnachten  die Schule gewechselt, da seine Lehrer mit seinem Verhalten nicht einverstanden waren und er selber alle Lust und gute Laune zum Lernen und auf die Schule fast gänzlich verloren hatte.

Kai ist gründlich von ärztlicher Seite „durch gecheckt“ worden. Man hat bei ihm eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz festgestellt, aber  ein Verdacht auf AD(H)S hat sich nicht bestätigt.

In der neuen Schule fühlt sich Kai viel wohler. Trotz einiger besorgter Einwendungen von Kollegen: „Das Kind können wir hier nicht unterrichten, es gehört in die Sonderschule“! hat sein Klassenlehrer ihn dennoch ganz bewusst aufgenommen. Er weiß, dass es Kai auch in dieser Schule nicht leicht haben  wird und dass auch er sich durch diese Aufnahme nicht nur die Verantwortung für ein besonderes Kind,  sondern auch für die Zukunft so manches Problem mit den pädagogisch anders denkenden  Kollegen aufgeladen  hat. Dieser Klassenlehrerkollege ist sich aber ganz sicher: Wenn man Kai ohne Zwang und Strafen  erzieht mit einer pädagogischen Haltung, die seinen Wert und seine besonderen individuellen Fähigkeiten lieben lernen kann und mit Geduld und Verständnis ihn begleitet, dann wird die Erziehung von Kai innerhalb dieser Schule mit Sicherheit gelingen können.   

Spezifische Allergien

Kai leidet unter spezifischen Allergien. Es treten bei ihm alle möglichen Formen allergischer Reaktionen auf, wenn er mit irgend einer Form von Zwang,und sei er noch so fürsorglich und wohlwollend gemeint, und mit Strafen in Berührung kommt. Bei näherer und wirklich unbefangener Betrachtung gesehen ist er gar kein so besonderes Kind. Er zeigt nur einige Merkmale der  typischen Andersartigkeit der heutigen Kinder gegenüber ihrer Eltern- oder Großelterngeneration.

Kai hat nun mal,  und das ist sein verbleibendes Hauptproblem auch an seiner neuen Schule,    zusätzlich eine besonderes starke Allergie gegenüber speziellen Führungsqualitäten von Pädagogen, die, sich mit  speziellen „ Bergführer- oder Kapitänsqualitäten“  versehen haben, und so ausgerüstet unterrichten wollen.  ( siehe: “ Der Lehrer als Bergführer und Kapitän“ in: Erziehungskunst 01 2010)   Auf diese Weise wollen sie dann bei den Schülern die sogenannten  traditionellen „guten  Gewohnheiten“, „ in Bezug auf den Unterrichtsverlauf, die Gesprächskultur oder die Hausaufgaben ausbilden“. ( siehe, Oscar Scholz :Der Lehrer als... EZK 01. 2010) Solche Führungsqualitäten setzen nach alter Tradition eine strenge hierarchische Struktur voraus und beruhen auf unbedingtem Gehorsam.

Zeitgemäße pädagogische Qualitäten contra Kapitänsgewohnheiten

Zum Glück kennt sein Klassenlehrer dieses Allergie - Problem vieler heutiger Kinder und ist auch selber der Überzeugung, dass solche oder ähnliche Führungsqualitäten im Lehrerberuf   eher zu den schlechten Gewohnheiten der Pädagogen gehören und durch neue zeitgemäße, Qualitäten wie  unbedingte Vorurteilslosigkeit,  liebevolles Verständnis für die Schüler, pädagogische  fantasievolle Kreativität, innere Beweglichkeit und Geistesgegenwart, Einfühlungsvermögen und Empathie und nicht zuletzt eine sachgemäße und fundierte menschenkundliche Schulung ( in Bezug auf den Waldorflehrer) ersetzt werden müssen.

Durch viele Jahre hindurch hat er  in einer zusätzlichen Ausbildung ( Intuitive Pädagogik bei Pär Ahlbom) versucht, diese genannten Qualitäten bei sich so gut als ihm möglich war auszubilden. Er weiß aber auch durch langjährige Berufserfahrung, wie schwer es ist, diese Qualitäten im pädagogischen Alltag, innerhalb des heutigen Schulsystems  auszubilden, beizubehalten und anzuwenden. Und er kennt auch, wie viele seiner   Berufskollegen, die Versuchung immer wieder auf die alten erprobten, wenn auch nur noch notdürftig funktionierenden  „Bergführer- oder Kapitänsgewohnheiten“ zurückgreifen zu wollen. Aber bei solchen Schülern wie Kai, und es gibt heute sehr viele Kais,  funktionieren diese Gewohnheiten und die aus ihnen entsprungenen Unterrichtstraditionen überhaupt nicht mehr.   Bei anderen scheinen sie noch zu klappen aber nur mit unvermeidlichen Nebenwirkungen, die dann sehr gerne übersehen werden. Die  Ausbildung und Anwendung dieser Führungsqualitäten impliziert  eine Haltung, die nicht von der Wertschätzung und Anerkennung, sondern von dem Bestreben nach Unterwerfung und willenloser Anpassung der Schüler ausgeht.  Gerade dann zeigt diese Haltung in ihrer Anwendung eine besondere Schärfe, wenn sie zur Durchsetzung eines ritualisierten Unterrichtsablaufes eingesetzt wird.  Die Nebenwirkungen beruhen dann auf den  seelischen Folgen von bedingungsloser Anpassung und Unterwerfung  und führen   zu einer seelischen Schädigung aller betroffenen Kinder.

Ritualisierter Unterrichtsablauf

Wer das nicht verstehen will, der mache sich einmal klar, ob es heute noch Kinder gibt, die aus eigenem Willen eine Minute lang mit über der Brust gekreuzten Händen gerade, unbeweglich und still stehen wollen, um dann in dieser Haltung einen langen und komplizierten Spruch zu sprechen, der mit  anschließender Begrüßungszeremonie abgeschlossen wird.  Dieser ritualisierte Beginn eines Unterrichtstages stellt aber nur den Anfang einer schier endlosen Kette von Ritualen ähnlicher Art dar, die dem Unterrichtsablauf in den Augen der Lehrer die maßgebliche, pädagogisch so wertvolle Prägung geben sollen.

Noch einige weitere Beispiele diese Unterrichtsabläufe  nach alter Tradition aus einer 2. Klasse, an die nach dem Klassenlehrer Oscar Scholz die jungen Erstklässler durch die Führungsqualitäten der Pädagogen  gewöhnt werden sollen,

Am Schuleingang soll der Schüler am Morgen dem Begrüßungsleher die Hand geben und dabei in die Augen schauen. Wenn er zur Klassentür kommt, steht dort  sein Klassenlehrer  und fordert ihn auf, ihn mit der rechten Hand (nicht mit der falschen linken Hand) zu begrüßen. Dabei wird in die Augen des Lehrers geblickt und höflich (wenn möglich auch freudig) gegenseitig „Guten Morgen“ gesagt. Kurz danach zum Unterrichtsbeginn wird wiederum aufgestanden und  es  werden in würdiger Ruhe im Chor Kinder und  Lehrer begrüßt. Am Ende der Stunde stehen die Schüler wiederum  eine kleine Weile in möglichst absoluter Ruhe gerade und still,  in vielen Fällen die Hände über der Brust gekreuzt,  und verabschieden  nach einem sinnvollen Spruch die Lehrperson.  Das alles muss natürlich in vollständiger Ruhe geschehen und die Kinder sollten dabei möglichst ruhig und gerade stehen. Danach sollten sie mit der Hilfe eines kleinen Rituals ihre Schultaschen ablegen, die Hausschule versorgen, ihre Straßenschuhe mitnehmen und dann geordnet die Klasse verlassen.

Kai  hat an diesem Tag nach der großen Pause  Musikunterricht. Am Ende der Pause soll er sich in wohlgeordneter Zweierreihe, seinen Mitschüler an der Hand fassend leise durch die verschiedenen Flure in seine Klasse begeben.

Zu Beginn des Musikunterrichtes wird erst einmal eine kleine Weile stille gestanden oder gesessen und dann folgt der obligatorische Begrüßungsritus. Es wäre für Kai, (wenn seine Lehrer nicht  auf einige Traditionen verzichten würde)   die 4. Begrüssungzeremonie an diesem Morgen. Am Ende des Musikunterrichtes folgt wiederum eine Schweigeminute und der Verabschiedungsritus.

 Nun gibt es Handarbeit. Zum Beginn der Stunde wird eine Zeit lang gerade und still gestanden, dann kommt der Begrüßungsritus und ein gemeinsam gesprochener Spruch zur Einstimmung. Nach getaner Handarbeit wird am Ende der Stunde wieder eine kleine Weile stillgestanden, dann folgen Spruch und Abschied.

Kai hat an diesem Tage seine Lehrer fünf Mal in verschiedenen Formen begrüßt, und drei Mal mit stille Stehen und Spruch verabschiedet. Er hat sechs Mal stille stehen sollen.  Dazu sollte er, wie beschrieben,  in Ruhe und Ordnung in Zweierreihe gehen, und morgen wird er bis zu 20 Minuten ruhig  stehend,  nur  unterbrochen von einigen sehr geführten Bewegungen, im Englischunterricht Lieder singen und englische Sprüche sprechen. Auch wird er lernen müssen im Englischunterricht nur dann zu sprechen, wenn er sich gemeldet hat und dazu aufgestanden ist. (Vorausgesetzt, die Kinder durften im Unterricht einige Minuten sitzen.)

Karikatur eines „ausgestorbenen Typus Schüler“

Kai und viele andere Kinder können das alles nicht mehr! Nirgendwo in ihrer Umgebung haben die  meisten Ähnliches gesehen, erlebt oder geübt. Diese Formen und Riten sind in unserer Gesellschaft nur noch innerhalb religiöser Gemeinschaften  zu finden.  Sie sind fast gänzlich ausgestorben und  haben längst jeglichen Boden in unserer Kultur verloren. Um solche ritualisierte Unterrichtsabläufe mit innerer Anteilnahme, einem gewissen Verständnis und aus freiem Willen  mitmachen zu können, gehört eine im weitesten Sinne religiöse Erziehung, die aber heute fast kaum noch anzutreffen ist.  

Hannes Wader beschreibt und karikiert in den 70-ger  Jahren   den heute längst ausgestorbenen idealen Typus eines Schülers, der einen solchen Unterricht   noch aushalten könnte, in seinem Lied: „Aufgewachsen auf dem Lande“. Er beschreibt in dem Song seinen Bruder, den er seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hat.

 

„Mein Bruder war sehr brav, tat nie etwas Böses,

 soweit ich mich erinnern kann.

 Am Liebsten saß er den ganzen Tag

 still unterm Tisch auf seinem Topf

 sprach mit sich selbst dazu wackelte er

 unablässig mit dem Kopf.

 Mit den Jahren drückte der Rand des Töpfchens

 sich deutlich auf seiner Rückfront ab

 In Form eines flammend roten Kreises,

 worum ich ihn sehr beneidet hab.

 Denn ich dachte bei allen gehorsamen Kindern

 Müsse das auch so ähnlich sein

  nur die bravsten hätten an dieser Stelle

genau den gleichen Heiligenschein.

 Heilsame Pädagogik

 Immer mehr Schüler sind heute darauf angewiesen, dass es den Lehren möglich wird „Akzeptanz dafür aufzubringen, dass der( Mit) Schüler ganz anders ist und vielleicht auch sein will“, als man selber einmal war und als man denkt, dass er sein sollte“.  Das fordert jedenfalls  der Klassenlehrer Oskar Scholz von seinen Schülern in dem genannten Artikel.  Das sollen seine Schüler als eine gute Gewohnheit von ihm lernen. Er darf ruhig in dieser Richtung mit gutem Beispiel vorangehen. 

 

Man könnte jetzt einwenden, wieso geht es denn Kai jetzt besser als in der alten Schule, warum fühlt er sich wohler?

Die Antwort ist ganz einfach: Sein Klassenlehrer vermeidet so viel als möglich solche Unterrichtsformen,  unterrichtet die Klasse an vielen Tagen bis 12:00 Uhr und gibt  Kai und anderen Schülern die verschiedensten pädagogischen Freiräume. Überhaupt ist sein Unterricht in vielen, aber bedeutsamen“ Kleinigkeiten“ anders als gewohnt eingerichtet. So gibt es zum Beispiel jeden Morgen eine ausführliche Spielzeit mit verschieden Angeboten, eine Spielecke für notwendige  Auszeiten und vieles mehr.

Die gewohnten Formen des Fachunterrichtes und die Haltung der Fachkollegen kann  dieser Kollege natürlich nicht ändern und Kai und seine Lehrer werden damit leben müssen.

Alte Zöpfe gehören abgeschnitten 

Das vielsagende Motto von  Oscar Scholz: „Die Kinder möchten,  auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, gesagt bekommen, wo es lang geht. Sie wollen geführt werden“, bedeutet  für manche Pädagogen einen  Freibrief,  selbsternannte oder  von anderen Kollegen übernommene,   traditionelle „ sogenannte  Führungsqualitäten“ in der Klasse anzuwenden. Ein zweites,  ebenfalls aus einem gravierenden Irrtum bestehendes Motto ist  dabei sehr hilfreich: Ich weiß genau, wer Du bist und was für Dich gut ist. Du, Schüler, aber wählst  im Zweifelsfalle immer das für dich Schlechte.

Führungsqualitäten zu zeigen, bedeutet nach einer solchen  weitverbreiteten  Ansicht über das Kind für den Erzieher, sich gegenüber dem Schüler in jedem Fall und zu seinem eigenen Heil und Besten mit seinen Ansprüchen und Anforderungen  durchzusetzen , ihm eindeutig zeigen zu können,  „wo es lang geht“. Als  notwendiges Instrumentarium um als „Bergführer“ den Schülern die rechten Wege weisen zu können, dient in solchen Fällen ein  über Jahre hindurch sorgfältig und individuell  ausgearbeitetes  und ausgefeiltes Belohnungs- und Maßregelsystem mit einem breiten Spektrum  von einerseits an die Tafel gemalten bunten Sternchen als Belohnung, bis hin zu dem immer noch gängigen  „den Schüler vor  die Türe setzten“ als gerechte Bestrafung der oftmals heute  nicht mehr sehr reuigen Sünder und last not least dem Weiterweisen des schwierigen Schülers an eine andere Schule.

Kai hat schon in der alten Schule ein Übermaß von diesem Maßregelsystem zu kosten bekommen und sich gründlich daran den Magen verdorben. Ihm geht es da nicht anders als vielen anderen Schülern, die ebenso wie Kai schon in frühen Jahren  eine starke Allergie gegenüber solchen wohlgemeinten Maßreglungen, Zwängen und Strafen entwickelt haben. Sie wurden gemaßregelt und gestraft nur weil sie anders waren. Sie sind eben „ganz anders“, als die Lehrer  es von ihnen verlangen und „ wollen es auch sein“! Sie haben kein Organ und überhaupt kein Verständnis für ritualisierte Abläufe. Sie haben ein natürliches Misstrauen gegenüber erzwungener Autorität. Sie können nicht stundenlang stille sitzen. Sie streben  nicht nach  einem Heiligenschein am Popo! Ihnen fehlen zum Glück die zu einem solchen Streben notwendigen Vorbilder und Erziehungstraditionen, die  ihre Eltern und Großeltern zum Teil noch genossen haben und zum Teil immer noch hochhalten.

 

Gott sei Dank haben die soeben genannten Unterrichtstraditionen, pädagogischen Haltungen und Ansichten nichts mit dem inneren Kern der Waldorfpädagogik zu tun. Sie stellen alte Zöpfe dar, die endlich einmal abgeschnitten gehören!

 Hoffnung für die Zukunft

 Die Menschenkunde als Mittelpunkt und Grundlage der Waldorfpädagogik lädt jeden Pädagogen dazu ein, sein eigener Bergführer und Kapitän zu werden, und Führungsqualitäten zu entwickeln auf seinem Weg zur Selbsterziehung.  Der Satz: Kinder möchten gesagt bekommen wo es lang geht, stellt eine bequeme Verfälschung der wahren  menschenkundlichen  Tatsache dar:

Kinder tragen in sich das Bedürfnis in Liebe einer von ihnen anerkannten liebenswerten Persönlichkeit, die durch ihre Kraft zur Selbsterziehung für sie zu einer „ selbstverständlichen Autorität“ geworden ist, nach zustreben, ihrem guten Beispiel zu folgen.

Diese Nachfolge kann aber durch keinen Zwang oder Strafe erreicht werden. Unsere Kinder und Enkelkinder haben dafür ein viel besseres Gefühl, als ältere Generationen.

Zum Glück stellt der genannte Klassenlehrer nicht einen Einzelfall dar und deshalb kann man hoffen, dass in den zukünftigen Waldorfschulen zwang freie und heilsame Pädagogik  zu finden sein wird.

 

 

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