Pädagogik am Scheideweg?

Die zukünftige Verkürzung der Schulzeit auf nur noch 12 Schuljahre hat in den Waldorfschulen eine lebhafte Reaktion ausgelöst, da sich gerade die Waldorfpädagogik durch diese Änderung im Kern ihres pädagogischen Konzeptes getroffen fühlt. Kann ein altersgemäßes Lernen überhaupt noch stattfinden, wenn ein ganzes Schuljahr fehlt und die Abschlüsse um ein Jahr näher rücken? Wo kann gekürzt oder verdichtet und mehr und intensiver gelernt werden und in welcher Altersstufe? Solche Fragen, die sich zu einem großen Teil auf eine Steigerung des Lerntempos beziehen müssen, werden in vielen Kollegien gestellt. Einige Schulen wollen bei 13 Schuljahren bleiben und hoffen das letzte Schuljahr selber finanzieren zu können, andere beginnen sich auf die verkürzte Zeit einzustellen. Aber schon steht ein weiterer drastischer Eingriff ins Schulsystem vor der Tür: Im Rahmen einer zukünftigen Früheinschulung soll das Schulalter auf 5 Jahre herabgesetzt werden. In den Augen der Politik ergibt sich das eine aus dem anderen. Frühe Einschulung spart ein Jahr am Ende der Schulzeit ein, indem ein Jahr früher mit dem Lernen angefangen wird. Das alles spart Geld. Für die Waldorfpädagogik kann die frühe Einschulung aber zum Anlass werden, ein eigenes pädagogisches Schulkonzept für die Altersgruppe von 5-9 Jahren zu entwickeln .
Der ansteigende Lerndruck der letzten Jahre führte zudem  in vielen Waldorfschulen zu ganz konkreten Überlegungen und Modellvorstellungen, wie man das Lernen nicht nur vertiefen sondern auch zeitlich früher beginnen und effektiv verstärken kann. Gleichzeitig wurde das Lernen aber auch ganz neu hinterfragt und erweiterte und umfassendere Vorstellungen zum Lernen entwickelt. So lassen sich heute in den Waldorfschulen zwei verschiedene Ansichten zum Lernen ausmachen, die sich oftmals recht unversöhnlich gegenüberstehen. Die folgendem Ausführungen wollen einen Einblick in diese Überlegungen geben und versuchen ein pädagogisches Verständnis zu diesem Problemkreis auf Grund geisteswissenschaftlicher Angaben zu entwickeln.



Ganzheitliches individuelles Lernen ohne Angst und Zeitdruck

Angstfrei lernen, selbstbewusst handeln, hieß der Titel eines Buches, dass Christoph Linderberg 1975 schrieb. Dieses Buch begeisterte die Leser so sehr und entsprach einem so dringendem Zeitbedürfnis, dass es schon im ersten Jahr vier Neuauflagen erlebte. Bis in die Anfänge der 90-ger Jahre wurde dieses Buch regelmäßig in den Aufnahmegesprächen für die erste Klasse von den zukünftigen Schuleltern erwähnt. Wenn man nach den Anmeldungsgründen fragte, hörte man ganz oft: „Mein Kind soll angstfrei lernen können. Es soll sich beim Lernen Zeit lassen . Ich konnte das leider alles nicht! Ich möchte nicht, dass es meinem Kind in der Schule so schlecht ergeht, wie es mir in dieser Beziehung ergangen ist.“ Dann folgte regelmäßig ein langer Bericht über die Leiden, die man durch den Lernstress und die Lernangst in der Schule hatte erdulden müssen, nur um die notwendigen Abschlüsse bestehen zu können. Seit den letzten zehn Jahren hat sich die Einstellung der Eltern zum Lernen wieder merklich verändert. Sie ähnelt jetzt stark der Sichtweise der anfänglichen 70-ger Jahre. Da war die Frage nach dem Abitur und prüfungsorientiertem Lernen so vordringlich, dass die Besprechung und Klärung dieses Problems regelmäßig einen großen Raum des Einführungsabends für neue Eltern beanspruchte. So ist die Meinung über das Lernen wie ein Pendelschlag hin und her geschwungen. Als unterrichtender Lehrer blieb man von diesen Umschwüngen nicht unberührt und passte sich notgedrungen oder aus Überzeugung den jeweiligen Erfordernissen mehr oder weniger an. Geblieben aber ist die dringende Frage: Wie soll in der Schule gelernt werden und wie steht es mit dem angstfreien Lernen? Ist Ch. Lindenbergs Feststellung nicht mehr aktuell?
Zwei unterschiedliche Ansichten zum Lernen
Bezüglich der Lernfrage gibt es zunächst die immer weitere Verbreitung findende Anschauung einer möglichst frühen Lernförderung unter der Voraussetzung, dass Schwächen rechtzeitig erkannt werden. Eine schon im ersten oder zweiten Schuljahr einsetzende umfassende Diagnostik durch die Lehrer oder Therapeuten, erkundet Schreib- Lese- und Rechenschwächen und deren Ursachen, mit dem Ziel durch verstärktes Üben in Verbindung mit einer vielleicht erforderlichen speziellen Therapie, diese Schwächen schnellstmöglich zu beheben. Eine Differenzierung der Unterrichte nach Leistungsgruppen sorgt außerdem für eine effektive Lernförderung. Ergänzt durch eine mancherorts differenzierte Oberstufe, in der die mehr „praktisch“ begabten Schüler gesondert gefördert werden, ergibt sich eine verstärkte Ausbildungsmöglichkeit der Schüler, die für „höhere“ Abschlüsse in Frage kommen. Diejenigen Kinder, die schon in den unteren Klassen größere Lernprobleme aufweisen, werden im Förderbereich gesondert geschult, damit möglicht alle Schüler in bestimmten Klassenstufen, den gemeinsam festgelegten Lernstandards in ihren Leistungen entsprechen.

Eine andere Ansicht erkennt, dass diejenigen Kräfte, die das Lernen ermöglichen, einer individuellen Entwicklung unterliegen, deren zeitliche Bandbreite nicht normiert werden kann. Man geht auch davon aus, dass der Entwicklungsrhythmus des einzelnen Kindes immer individueller werden wird. Darüber hinaus werden individuelle ganz originäre Lernwege beobachtet, die durch das spezielle Interesse  und die besondere Art der Intelligenz des einzelnen bestimmt werden. Man sieht, dass die Lernbereitschaft und Lernfähigkeit durch künstlerischen Unterricht und eine entsprechende Haltung der Lehrers, der den Schüler verständnisvoll und liebevoll annimmt und bestärkt, in hohem Maße  gefördert werden. Es wird weiterhin davon ausgegangen, dass sich Lerngruppen mit unterschiedlich begabten Schülern gegenseitig im aufnehmenden Verstehen und Begreifen stützen und helfen, indem sich die Fähigkeiten des einzelnen auf die anderen unbewusst (überbewusst) im gemeinsamen Arbeiten und Austausch übertragen und ergänzen und sich somit die Leistungen aller Beteiligten steigern.
Damit wurden zwei grundsätzliche pädagogische Standpunkte charakterisiert, die sehr verschiedene Sichtweisen bezüglich des Lernens wiedergeben und sich deshalb im pädagogischen Alltag der Waldorfschulen wie schon erwähnt oft recht unversöhnlich gegenüberstehen, zumal sie auch in ihrer praktischen Anwendung und Ausgestaltung zu ganz unterschiedlichen Schulstrukturen führen können.
Wie also soll gelernt werden? Darf man sich Zeit lassen und auf den individuellen Weg des Schülers vertrauen, oder gilt heute stärker denn je: Frühes effektives Lernen spart Zeit und führt einzig zum Erfolg. Wie gehen wir mit dem Problem der Lernangst um?
Grundfähigkeiten müssen ausgebildet werden
Sieht man auf den Kern des Problems, so geht es bei allen pädagogischen Bemühungen hinsichtlich des Lernens immer wieder um die Ausbildung von Fähigkeiten. Deshalb lohnt es sich, den Begriff „Fähigkeit“ näher zu untersuchen.
Im Allgemeinen verstehen wir unter Fähigkeiten zum Beispiel Scheiben und Lesen oder Geigespielen und Fahrradfahren zu können. Genauso besitzen wir später vielleicht die Fähigkeit, Französisch oder Englisch zu sprechen  und werden gute Mathematiker. Wir lernen Autofahren und können mit dem Computer umgehen.
Um all diese Fähigkeiten erlernen zu können, brauchen wir aber andere „Fähigkeiten“, die wiederum die Grundlagen und Voraussetzungen zum Erlernen bestimmter „sekundärer“ Fähigkeiten  bilden. Wir können sie deshalb Grundfähigkeiten nennen. Eine solche primäre Fähigkeit ist zum Beispiel eine rasche Auffassungsgabe, die Zusammenhänge durchdringen kann, und das Ganze überschaut. So war der junge Mozart nur deshalb in der Lage, ein ihm unbekanntes langes Musikstück  aus dem Gedächtnis aufzuschreiben, weil er das Ganze des Stücks überschauen konnte
Für das Scheiben, Lesen und Geigespielen benötigen wir  bestimmte feinmotorische Grundlagen aber auch zum Fahrradfahren. Ebenso beruht die Sprachfähigkeit auf einer allerfeinsten Bewegungsmotorik. Beim Sprechen ist der Bewegungsmensch sozusagen auf die Sprachorgane konzentriert. Wieder andere Grundfähigkeiten brauchen wir um ein guter Mathematiker zu werden. Die jüngere Generation scheint heute für den Umgang mit dem Computer besonders talentiert zu sein. Welche neuen Grundfähigkeiten, die wir Älteren noch gar nicht besitzen, bringt sie dafür mit?
 Man sagt Genie sei Fleiß und meint damit aber nicht, dass ohne Talent und nur durch fleißiges Lernen und Arbeiten allein ein Genie entsteht. Im Talent sind diejenigen Grundfähigkeiten veranlagt,  die durch entsprechende Förderung das Genie verwirklichen. Blickt man dabei auf einen großen Musiker, Maler oder Dichter, so erkennt man leicht, dass es sich bei ihnen noch um ganz andere als nur feinmotorische Grundfähigkeiten handelt, die mit Fleiß ausgebildet wurden.
Plastisch-bildnerische und musikalisch-sprachliche Veranlagung, jeder Mensch ist ein Künstler
Sehen und Hören sind diejenigen Sinne mit denen wir in der Schule bevorzugt arbeiten.
 Beim Zeichnen, Malen, Scheiben und Lesen, beim Betrachten der Natur und allem Künstlerisch-Schönem in der Welt gebrauchen wir unsere Augen, mit denen wir uns bildhafte und räumlich plastische Vorstellungen von den Dingen machen. Ein gutes Wahrnehmungsvermögen und ein lebendiges Vorstellungsvermögen machen es dem Menschen erst möglich,  sich intensiv mit der Welt zu verbinden, sie intensiv denkend und beweglich vorstellend erfassen und  erleben zu können. Eine  plastisch- bildnerische Veranlagung und deren Ausbildung schafft die Grundlage für die genannten Vorstellungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten und weckt die ästhetischen Sinne wie Schönheitssinn und das Gefühl für Ausgewogenheit der Proportionen, aber auch das Gefühl für räumliche Verhältnisse als Voraussetzung für die Orientierung im Raum. Ein gut ausgebildeter Farben- und Formsinn ist die Voraussetzung für den Erfolg eines Malers aber auch eines Möbeldesigners oder Grafikers. Nur noch  einäugig, raumlos Schwarzweißsehen zu können, zeigt sich als drohende Gefahr einer einseitigen abstrakten, intellektuellen Erziehung, die auf die Ausbildung dieser plastisch-bildnerischen Kräfte im Menschen verzichtet. Den Hang zu diesem raumlosen Schwarzweißsehen erkennt man heute schon sehr deutlich an der Vorliebe sehr vieler Kinder für karikaturhaftes, linienhaftes,  Bleistiftzeichnen. Der Kunstunterricht im Zeichnen, Formenzeichnen, Malen, Plastisieren, Bildhauern und Architektur sowie aller praktisch-künstlerische und kunsthandwerkliche Unterricht  bildet diese Grundfähigkeiten aus, zu denen auch ein besonderes Formgefühl gehört, das die Form eines Gegenstandes aus seiner inneren Gesetzmäßigkeit heraus erfasst und nachfühlt.( Methodisch-Didaktisches, 1.Vortrag) Aber auch das sprichwörtlich bekannte Fingerspitzengefühl soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Musik, Sprache und Dichtung werden vornehmlich durch das musikalisch gestimmte Ohr vermittelt. Wenn man selber spricht oder musiziert, erlebt der Mensch sehr deutlich, dass Sprache und Musik vom Willen und der Bewegung getragen werden. Sie sind willenshafte Tätigkeiten und leben in der Bewegung. Die Musik verführt zum Tanzen, die Sprache wird mit Gesten begleitet. Durch die Sprache und Musik wird der ganze Mensch erfasst und kommt in Bewegung. Auch der Hörsinn scheint sich nicht nur auf das spezielle Gehörorgan zu beschränken. Wir wissen, wir stark gerade die Bässe in der Zwerchfell-Bauchgegend wahrgenommen werden.
In der Kindheitsentwicklung ergreift der Bewegungsmensch den Körper von Kopf hin zu den Füßen: Zuerst hebt der Säugling den Kopf, dann richtet er den Oberkörper auf, kommt ins Sitzen und erhebt sich zum Schluss. In einem zweiten Schritt wird in der Reifung der Feinmotorik die Sprache entwickelt. Eine noch feinere Willensmotorik bildet dann die Grundlage der Gedankenbewegung. Der Bewegungsmensch ist aber zugleich ein Musiker. Das 3 bis 4 jährige Kind will tanzen und erobert sich am liebsten  tanzend die Welt. ( Methodisch-Didaktisches, 1. Vortrag)
Im Versmaß und im Rhythmus eines Gedichtes lebt sehr deutlich die Musik. Das Musikalische durchdringt und belebt die Sprache. Die Sprache wiederum wurzelt im Gefühl des Menschen. So wird durch den musikalisch- sprachlichen Unterricht Wille und Gefühl angesprochen und ausgebildet. Eine Vielzahl der oben erwähnten Grundfähigkeiten werden dabei entwickelt. Wir erziehen so den feinsinnigen, kreativ beweglichen Menschen. Die Beziehung der musikalischen zur mathematischen Begabung und deren gegenseitige Förderung soll dabei auch nicht unerwähnt bleiben. Offensichtlich liegt beiden Fähigkeiten ein Gefühl für Zahlenverhältnisse, Gleichgewichte und Harmonien zugrunde, die entweder  mathematisch quantitativ  oder musikalisch qualitativ erfasst werden. Dieses Zahlen- Gleichgewicht und Harmoniegefühl hat wiederum seine Grundlage in einem gut ausgebildeten Gleichgewicht- und Bewegungssinn.  Indem die musikalisch- sprachlichen Kräfte Willenskräfte sind und als solche auch in der Denk- und Vorstellungstätigkeit leben, bilden die so gewonnenen Grundfähigkeiten auch die Voraussetzung für ein gesundes Denken und Vorstellen. Die vom Willen getragene künstlerische Phantasiefähigkeit  bildet die Voraussetzung für ein kreatives Denken.

Aus dem hier nur skizzenhaft Dargestellten wird sichtbar, das die Ausbildung der plastisch-bildnerischen und musikalisch- sprachlichen Veranlagung des Menschen die entscheidende Grundlage für alle weiteren Fähigkeiten bildet.
Für die Pädagogik ist nun überaus wichtig, dass diese Grundfähigkeiten nur zwischen dem 7. und 14. Lebensjahre so ausgebildet werden können, dass sie in der Lage sind, kraftvoll im Leben des Menschen wirksam zu sein.(siehe Methodisch-Didaktisches 1.Vortrag) Jeder Konzertmusiker weiß zum Beispiel, dass eine bedeutende Kariere kaum noch möglich ist, wenn man erst nach dem 14. Lebensjahr mit einer musikalischen und instrumentalen  Ausbildung beginnt.
Mit diesen typisch menschlichen Grundfähigkeiten stellt sich der Mensch ins Leben.
Nur sie befähigen ihn auch für das praktische Leben.

Diejenigen sekundären Fähigkeiten, die auf ihnen aufbauen wie Schreiben, Lesen, Rechnen, Sprachenlernen und alles andere können grundsätzlich während des gesamten Lebens ausgebildet werden, soweit die dafür notwendigen Kräfte herangereift beziehungsweise  noch vorhanden sind. Weshalb sollen wir uns dann mit dem Erlernen dieser Fähigkeiten in der Schule so beeilen? Zumal diese Eile keinem Schüler gut tut.
Künstlerisches Lernen ohne Angst
Wenn wir jetzt zu den beiden oben charakterisierten Ansichten über das Lernen und zu der Frage wie soll gelernt werden zurückkehren und die von der älteren Generation beschriebenen Lernängste auch nicht vergessen, sehen wir, dass der zuerst dargestellte Standpunkt den geschilderten  pädagogischen zentralen Sachverhalt primärer und sekundärer Fähigkeiten im Unterricht gar nicht berücksichtigt, beziehungsweise zur Aufgabenstellung einer speziellen Therapie oder des Förderunterrichtes macht und kein Konzept gegen die unvermeidbar bei dieser Unterrichtsweise auftretenden Ängste entwickelt. Die Überlegungen zum frühen verstärkten Üben und differenzierten Lernen sind nur sinnvoll, wenn sie auf der vorangehenden oder damit verbundenen Ausbildung der Grundfähigkeiten aufbauen. Der einseitig auf die Förderung prüfungsorientierter meist intellektueller Leistungen ausgerichtete, lerneffektive nach Lernstandards ausgerichtete Unterricht verzichtet nicht nur auf die Ausbildung der Grundfähigkeiten, sondern lässt sie durch die Überbeanspruchung der intellektuellen Kräfte meist  noch verkümmern. Der hoch intellektuelle aber lebensunpraktische, oft auch lebenslang von Ängsten geplagte Mensch kann die Folge eines solchen Unterrichtes sein.

Indem die zweite pädagogische Ansicht eine individuelle, zeitlich unterschiedliche Entwicklung anerkennt, gibt sie den Schülen Raum zur möglichen Ausbildung der veranlagten Grundfähigkeiten. Die Förderung individueller Lernwege bezieht diese Ausbildung ausdrücklich mit ein, denn die spezielle „künstlerische“ Veranlagung im Sinne der plastisch-bildnerischen und musikalisch-sprachlichen Kräfte bildet den einzig möglichen Ausgangspunkt für individuelles Lernen. Die besondere Art der Intelligenz des einzelnen wird eben gerade durch die besondere Veranlagung dieser künstlerischen  Kräfte entscheidend mitbestimmt. Die Betonung des künstlerischen Unterrichtes als Vorraussetzung und Förderung eines gesunden lebenspraktischen Lernens wurde dargelegt. Können bei einer solchen Unterrichtsform Ängste entstehen? Indem auf eine individuelle Entwicklung des einzelnen auch zeitlich gesehen Rücksicht genommen wird , wird der Lerndruck, der auf dem Schüler lastet entscheidend gemildert. Dieser Lerndruck, der durch eine Differenzierung der Lerngruppen im allgemeinen noch verstärkt wird , da mit der Differenzierung auch die jeweilige Art des Prüfungsabschlusses verbunden wird, ist aber ein Hauptgrund neben dem Zeitdruck für die Entstehung von Lernängsten. Die positive Einstellung des Lehrers als Grundhaltung, die in das pädagogische Konzept vorrangig mit einbezogen wird, hilft Ängste abzubauen oder lässt sie erst gar nicht entstehen. Die in den Waldorfschulen seit Jahrzehnten geübte Praxis unterschiedlich begabte Kinder oder schwachbegabte und sogenannte lernbehinderte Kinder in gemeinsamen Lerngruppen zusammenzufassen, gewinnt unter der oben erwähnten Einsicht, dass Kinder mit unterschiedlichsten Anlagen sich im gemeinsamen Arbeiten nicht nur ergänzen sondern steigern, wobei ein lernschwaches Kind durch seine besonderen Fähigkeiten die gesamte Gruppe fördern kann, eine ganz neue Aktualität. Es ist einleuchtend, dass in einer solchen Gruppe auftretende Lernängste und Versagensängste durch die Heterogenität der Gruppe sehr gut aufgefangen und abgebaut werden können. 
Künstlerisch-praktischer Unterricht, als Ausbildung für das Leben
Als R. Steiner 1919 eine künstlerische Durchdringung allen Unterrichtes forderte, damit den Menschen in der Zukunft wieder die Möglichkeit gegeben werde im praktischen Leben zu bestehen, dem Lebenskampf gewachsen zu sein (siehe: Melodisch- Didaktisches, 1.Vortrag) , war die Zerrüttung und Verkümmerung dieser spezifisch menschlichen Veranlagung durch die allgemeinen Kulturverhältnisse noch nicht so weit fortgeschritten wie heute. Vor hundert Jahren konnte man noch auf eine natürliche Veranlagung dieser Kräfte im Allgemeinen zurückgreifen. Heute ist diese Veranlagung in den allermeisten Fällen aber schon im frühesten Kindheitsalter halbwegs verschüttet. Deshalb stellt sich die Frage, auf welche Weise der Unterricht künstlerisch durchdrungen werden muss wieder in ganz neuer und dringlicher Art, wobei heute ein spezifisch künstlerisch-praktischer Unterricht, der allem weiteren Lernen vorausgehen muss, die in vielen Fällen  verschütteten Anlagen erst wieder freizulegen hat.
Im Zusammenhang mit dem Problem einer zukünftigen Früheinschulung muss deshalb eine Grundstufe angedacht und geplant werden, die das Vorschulalter sowie die ersten Klassen der Unterstufe umfasst, und nach den genannten Gesichtspunkten die Möglichkeit bietet, die erläuterten Grundfähigkeiten ohne Zeitdruck in vollem Umfange auszubilden, ehe an ein Lernen der sekundären Fähigkeiten wie Schreiben und Lesen gedacht werden kann.
Von der Frage inwieweit die einzelnen Waldorfschulen gegenüber dem ständig anwachsenden Lerndruck, der von außen an sie herangetragen wird, dieses Konzept einer ganzheitlichen Erziehung vertiefen und ausbauen können, wird in der Zukunft abhängen, in wieweit sie ihre spezifische pädagogische Qualität, den selbstbewusst handelnden, freien Menschen zu erziehen, aufrecht erhalten können.

   


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