Schule neu gestalten


Kongress : Wie Kinder lernen vom 23.- 25. Januar in Stuttgart


Nach 85 Jahren Waldorfpädagogik  wird in den deutschen Schulen das Interesse an Vertiefung und Erneuerung der eigenen Pädagogik spürbar stärker. Unabhängig von Pisa- Studie, Schulzeitverkürzung und Früheinschulung ist bei vielen Lehrern das Bestreben erwacht, neue und individuelle pädagogische Wege zu gehen, da der Schulalltag mit der herkömmlichen Art altbewährter Waldorfpädagogik oft nicht mehr zu bewältigen ist. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat zum Beispiel gezeigt, dass der herkömmliche traditionelle frontale Hauptunterricht mit großen Klassen, der gleichzeitig den zentralen Kern der Pädagogik ausmacht, nicht mehr ohne größere Probleme durchführbar ist und einer dringenden Neugestaltung bedarf.
Die kaum zu übersehende Andersartigkeit der heutigen Kinder verlangt auch in den
Waldorfschulen einen notwendigen Wandel nicht nur im Umgang mit dem Schülern, sondern auch ein Umdenken im Selbstverständnis des Lehrers.
Daher ist es nicht verwunderlich ,wenn  immer mehr Lehrer ratsuchend nach neuen Erkenntnissen und pädagogischen Anregungen Ausschau halten.

Die Schule muss anders werden
Diese Stimmung hatte eine überaus zahlreiche Teilnehmerschar (ca. 700 Personen) zu einem solchen außerordentlichen Kongress geführt. Schon in den letzten zwei Jahren waren die Januar- Tagungen von H.Köhler und G.Kühlewind mit wachsendem Interesse von Erziehern und Eltern aufgenommen worden. Diesmal  aber traf sich ein noch erweiterter Kreis von Wissenschaftlern, um das Thema Lernen möglichst vielseitig zu behandeln.
Aus der Fülle von Erkenntnissen, die in ihrer praktischen Umsetzung ein menschlicheres und gesundes Lernen ermöglichen sollen, kann ich nur einige wichtige Aspekte herausgreifen und verweise auf die angekündigte Herausgabe der Vorträge  in einem halben Jahr.
Modernste neurobiologische Erkenntnisse sollten zusammen mit geisteswissenschaftlichen, salutogenetischen und pädagogischen Ansichten ein  neues Bild über das Verständnis von Lernen aufzeigen.
  In der Gehirnforschung wurde durch die Anwendung sog. bildgebender Verfahren mittlerweile herausgefunden, dass das Gehirn ein plastisches Organ ist und sich Nevenzellverschaltungen im Gehirn verändern, wenn der Mensch neue Erfahrungen macht. Seitdem ist auch in der Neurobiologie die Vorstellung möglich, dass es nichtmaterielle Kräfte gibt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Strukturierung des menschlichen Gehirns haben.(1) Die älteren Vorstellungen, die das Gehirn durch einen festgelegten genetischen Bauplan vorstrukturiert sahen, machten  aus wissenschaftlicher Sicht  Überlegungen bisher unmöglich, dass die kindliche Individualität als geistige Potenz Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns nehmen könnte. Prof. Dr. Hüther entwickelte nun im Januar  in seinem Interview mit Andreas Neider überaus spannende Vorstellungen über das Lernen des Kindes im Zusammenhang mit der Hirnentwicklung. Diese Ansichten vertiefte er in  seinen Ausführungen im Vortrag zur Tagung.   “Angeboren ist nur die Fähigkeit, aufrecht gehen, sprechen, lesen, Fahrradfahren oder schwimmen erlernen zu können. Die dafür erforderlichen Verschaltungen im Hirn entstehen aber nicht von allein, sondern formen sich erst allmählich heraus, wenn man als Kind die Gelegenheit geboten bekommt, diese Fähigkeiten auch tatsächlich selbst zu erlernen und einzuüben.(2)  Durch eine solche Sichtweise ergibt sich aber die Möglichkeit, menschenkundliche Vorstellungen über eine selbständige Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit mit naturwissenschaftlicher Anschauungsweise zu verbinden und gemeinsame Betrachtungsweisen zu entwickeln. Diese Aussicht gab dem Kongress eine ganz besondere Bedeutung.
Der durch seine Forschung über Salutogenese und weitere Veröffentlichungen über pädagogische Themen bekannt gewordene Arzt Eckhard Schiffer hielt den ersten Vortrag. Hartwig Schiller vom pädagogischen Seminar Stuttgart und der schon erwähnte Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther sprachen jeweils aus ihrer Sicht über das Lernen im Kindesalter.
Weitere zentrale Beiträge wurden von dem Heilpädagogen Henning Köhler und dem Forscher für Aufmerksamkeitsschulung Dr. G.Kühlewind gegeben.





Angst in der Schule! Kinder brauchen Sicherheit
Was also machen wir heute in der Schule verkehrt, dass so viele Kinder sehr bald die Lust am Lernen verlieren oder sogar krank werden? Wieso entwickeln immer mehr Kinder beim Lernen Angst? Haben wir eine falsche Ansicht vom Lernen und der Natur des Kindes? Diese zentralen Fragen standen im Mittelpunkt des Kongresses.
Was aber war der gemeinsame Schwerpunkt, die gemeinsame Grundüberzeugung ?
 Ich glaube die vertrauensvolle von Anerkennung und Wertschätzung getragene Beziehung von Mensch zu Mensch war für alle Vortragenden die primäre und von allen betonte Grundvoraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt stattfinden kann.
 Gerald Hüther fasste diese gemeinsame  Ansicht in folgende Worte : “Kinder sind keine Gefäße, in die all das Wissen hineingefüllt werden kann, was die Erwachsenen für wichtig erachten. Sie lernen, indem sie zunächst mit anderen Menschen, die ihnen wichtig sind, und später auch mit all dem, was diesen Menschen wichtig ist, in Beziehung treten. Deshalb brauchen sie Erwachsene, die ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermitteln(...) und ihnen bei der Lösung von Problemen behilflich sind. Nur so können sie Vertrauen entwickeln, Vertrauen in die Kraft Sicherheit bietender Beziehungen zu anderen Menschen und Vertrauen in ihre eigene Kraft, ihr Wissen, ihr Können und ihre gestalterischen Möglichkeiten.” Sehr deutlich weist er auch darauf hin, was passiert, wenn diese Beziehung gestört ist(zum Beispiel dadurch,  dass der Lehrer gleichzeitig auch Prüfer ist) “Wenn Kinder dieses Vertrauen verlieren, verlieren sie ihre Sicherheit und wer verunsichert ist und Angst hat, wer unter Druck gesetzt und von übermäßigen Erwartungen gedrückt wird, dem vergeht sehr schnell die Lust am Lernen, Entdecken und Gestalten.” (3) In seinem Vortrag  führte er weiterhin aus, dass Unsicherheit und Angst zu einem Stresszustand führen, der schon vorhandene Gehirnstrukturen sekundär wieder auflöst und somit  eine Rückentwicklung herbei führen kann.
In den ersten Schuljahren kann man diese verkehrte Entwicklung sehr häufig beobachten, wenn Kinder unter Druck geraten und wiederum  kleinkindliche Verhaltensweisen entwickeln oder sogar von neuem  einnässen.

Kohärenzgefühl
Ebenso deutlich äußerte sich auch Eckhard Schiffer. Er beschrieb die drei den Menschen stärkenden Lebensgefühle, die eine wichtige Grundlage für Gesundheit bilden und fasste sie in dem Begriff “Kohärenzgefühl” zusammen. Die tragende Säule dieses Kohärenzgefühls ist nun neben Sinnhaftigkeit und Verstehbarkeit der Welt, das Vertrauen aus eigener Kraft oder mit Unterstützung Lebensaufgaben meistern zu können. Dieses Vertrauen entwickelt sich aber nur aus einer gefestigten liebevoll anerkennenden Beziehung  des Kindes zu Eltern und Erziehern. (4) Zum Thema Angst formulierte er sehr treffend: Angst macht kluge Menschen dumm.
Kann eine vertrauensvolle Beziehung tatsächlich in der Schule immer aufgebaut werden? Ist eine persönliche Beziehung zu jedem Schüler in großen Klassen überhaupt möglich?
Wenn nicht, dann kann Lernen in solchen Verhältnissen sicherlich nur sehr erschwert, gestört oder vielleicht überhaupt nicht stattfinden. Darüber hinaus werden durch eine den Schüler nicht anerkennende Haltung der Erzieher die Voraussetzungen für eine stabile Gesundheit untergraben.

Anerkennung der autonomen Persönlichkeit
Zur Anerkennung und notwendigen Achtung eines Kindes gehört wie G.Kühlewind in seinem Vortrag ausführte aber auch, dass man seine individuelle Art zu lernen respektiert ,zum Beispiel auch den Zeitpunkt, wann es  zu einem neuen Lernschritt wirklich bereit ist. Das heißt ebenso, dass man akzeptiert, wenn ein Kind auf seine Weise zum Ausdruck bringt : “Für mich kommt der Lernstoff jetzt nicht in Frage, ich bin dazu jetzt innerlich nicht bereit”. Darüber hinaus gilt es sich in den individuellen Lebensstil eines Kindes einzufühlen, zu erahnen, was sein Lebensthema, seine Mission sein kann. In seinem Buch stellt E.Schiffer an dem Lebenslauf  des Malers Miro eindrücklich und exemplarisch dar, wie ein zwangsweises Abweichen von der eigenen Mission, indem er von den Eltern zu einem anderen Beruf gedrängt wird, zur Krankheit führt.( 5)
In diesem Sinne können die von G.Hüther angesprochenen Erwartungen der Erzieher an die Kinder, wenn sie dem Lebensthema widersprechen und den jungen Menschen von “seinem Weg” abdrängen wollen, die Gesundheit schwächen und somit  letztendlich auch krank machend wirken.
H.Köhler prägte in seinen Ausführungen für die Notwendigkeit  liebevolle Beziehungen in der Schule zu pflegen,   den Ausdruck:: “Die Schule muss ein soziales Wärmefeld sein.

Von der Antwortkultur zum Staunen
 Die weiteren Fragen betrafen die Natur des Kindes und die Ansicht über das Lernen allgemein:
Haben wir eine einseitige oder gar  falsche Ansicht vom Lernen und verstehen wir die Natur des Kindes wirklich?
 H.Köhler erklärte unmissverständlich was lernen nicht ist, aber sein soll . Lernen ist nicht : Wissensstoff ansammeln, sondern staunend fragen. Er stellte fest, dass sich in allen Schulen  schon lange eine reine “Antwortkultur”  etabliert hat. Der zum wirklichen lebendigen  Lernen so notwendige Prozess des fragenden Staunens, kann sich nicht mehr vollziehen, wenn sich die Schule immer mehr darauf spezialisiert, Erfahrungen in Form von Erkenntnissen und Fakten zu vermitteln, ( die letztendlich die Grundlage für ein wie auch immer geartetes Prüfungswesen abgeben sollen.) Dringende Frage also : Wie können wir die Kinder zu einem wirklichen Staunen bringen, zumal wir es selbst verlernt haben.
Die Schule sollte ein soziales Wärmefeld bilden, indem man wieder das Staunen lernen kann.   Sie sollte aber auch eine Einrichtung sein, in der die eigene weißheitsvolle Führung, mit der das Kind die  erwähnten frühkindlichen Fähigkeiten selbständig entwickelt , bei allem weiteren Lernen zu ihrer berechtigten Geltung kommt. Eine solche Lerngemeinschaft stellt das sinnvolle und nötige Gegenbild dar, zu einer Schule, die ihre Schüler auf rasche Antworten  und schnelle Lösungen konditioniert. Mit dieser Forderung antwortet H.Köhler auf einen allgemeinen Trend in den Schulen, der auch vor den Türen der Waldorfschulen nicht immer halt macht.

Lernen aus lebendiger Verbundenheit mit der Welt
Darüber hinaus ist Lernen nur möglich aus einer lebendigen Verbundenheit mit der Welt. Das Lernen des Kindes in den ersten drei Lebensjahren kann als Urbild für alles weitere Lernen gelten. Es geschieht nicht getrennt von der Welt im Klassenzimmer, sondern gerade im lebendigen Wechselspiel mit der Welt und den Menschen. In diesem Sinne zitierte H. Köhler einen bedeutungsvollen Ausspruch  von Martin Buber : Der Lernprozess ist ein wesenhafter Dialog mit der Welt.

Das Kind lebt in einer Einheitswelt
 Wie steht es dabei mit der Natur des Kindes? Hat sie eine uns noch verborgene Seite, die diesem lebendigen und gesunden Lernen entspricht?
 G.Kühlewind schilderte die Fähigkeit des kleinen Kindes zu einem solchen “wesenhaften Dialog” als die natürliche  Folge seines bewusstseinsmäßig noch ungetrennten und lebendigen Verbundenseins mit der Welt. Lernfähigkeit bringt das Kind mit auf die Welt
durch sein nicht getrennt sein von der Welt. Das ist seine Natur. Es lebt in einer Einheitswelt, in keiner dualistischen Welt, in der es den Gegensatz von Subjekt und Objekt noch nicht gibt. In dieser Einheitswelt nimmt das Kind vornehmlich fühlend wahr. Im fühlenden Erkennen ist es wesenhaft mit der Welt verbunden. Es erfühlt zum Beispiel die Intensionen der Eltern und Erzieher und wird irritiert und verunsichert, wenn diese Intensionen beim Erwachsenen im Gegensatz zu den gesprochenen Worten stehen. Diese Art zu lernen ist aber mit dem dritten Lebensjahr noch lange nicht abgeschlossen, sie wandelt sich  langsam  zu einem “seelischen Hintasten zu den Dingen” im späteren schulischen Lernen.  Dieses tastende sich Hinfühlen bildet die Grundlage allen Lernens im 2. Lebensjahrsiebt. In diesem Sinne ist alles Lernen Fühlen, erklärte G.Kühlewind .
Wird aber zum Beispiel beim vornehmlich  intellektuellen Lernen von Begriffen und Definitionen das Fühlen nicht aktiviert, da sich Begriffe im Gegensatz zu Bildern für das Kind nur schlecht fühlen lassen, so entsteht Angst. Das tastende Fühlen versucht etwas Unbegreifliches zu begreifen und erschrickt. In der neurophysiologischen Sprachweise von G.Hüther ausgedrückt : Keinerlei Überlappung kann zwischen dem Neuen und irgendeinem bereits vorhandenen Bild  im Gehirn hergestellt werden, dann wird das neue Wahrnehmungsbild gewissermaßen als ein nicht zu den bisherigen Erfahrungen passendes Trugbild verworfen. Das Kind tastet seelisch ins Leere.
 Weitere sehr wichtige Hinweise zur Natur des Lernens gab in seinem Vortrag H.Schiller, indem er ausführlich auf die Bedeutung des Schlafes  als einem wichtigen Helfer des Lernens hinwies. Darüber hinaus besprach er einen sicherlich noch nicht zu Ende diskutierten Punkt, der mit der Lernfrage unmittelbar verbunden ist.  Muss Lernen immer Spaß machen? Gibt es nicht auch eine Notwendigkeit zum Lernen, die von uns verlangt, Unlust zu überwinden und trotzdem zu arbeiten? In Bezug auf das menschliche Leben formulierte H.Schiller : Mit Selbstüberwindung lernen können bedeutet, dasjenige zu tun, was im Augenblick Not tut, oder anders ausgedrückt, wir können nicht immer nach dem streben, wodurch unsere Lebenserwartungen erfüllt werden, sondern was das Leben von uns erwartet, muss oftmals getan werden.   
So wurden die Natur des Kindes und das Wesen des Lernens  in diesem Kongress in überraschender und vielfältiger Weise beleuchtet und von wesentlichen Seiten wissenschaftlich und geisteswissenschaftlich geschildert.



 Der nötige Erneuerungsimpuls
Jetzt liegt es an den Teilnehmern dieser in ihrer Art wohl einmaligen Tagung,  die aufgenommenen Anregungen und Erkenntnisse für sich im Alltag zu überdenken und, wenn möglich, in fruchtbares pädagogisches Handeln umzusetzen.  Ich jedenfalls wünsche dem Kongress, dass der so dringend für die Pädagogik benötigte Erneuerungsimpuls, der hier sichtbar wurde, in die Schulen ausstrahlen und weiterleben kann, denn die Stimmung vieler Teilnehmer war sicherlich nicht ganz unberechtigt: Die Schule muss anders werden.



1.Siehe :  Das Lebensmagazin  „a tempo“  Verlag Freies Geistesleben; Interview mit G.Hüther
2.Siehe   Ebenda
3.Siehe:  Ebenda
4. Siehe: Eckhard Schiffer,  Wie Gesundheit entsteht, Beltz Verlag  Weinheim und Basel 2001
5. Siehe  Ebenda

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