Ursprüngliches Lernen in den ersten Schuljahren

Frühes Schreiben und Lesen im systematischen Arbeitslehrgang kann  die gesunde Entwicklung beeinträchtigen und erzeugt schnell wachsende Treibhausfähigkeiten

Im Zusammenhang mit der zunehmenden Früheinschulung der Kinder wird an vielen Waldorfschulen und Kindergärten über eine Neugestaltung des letzten Kindergartenjahres und der ersten Schuljahre nachgedacht. An einigen Schulen wird  bereits dieses Lebensalter vom 5. bis zum 9. Lebensjahr pädagogisch neu gegriffen und die Bildungsaufgaben des Kindergartens und der Schule neu überdacht.
Auf diese Weise  will man einer gesunden Entwicklung des Kindes Rechnung tragen, die aus der Sicht der Waldorfpädagogik durch die Früheinschulung und das damit verbundene zu frühe intellektuelle Lernen gefährdet wird.

Auf der anderen Seite versuchen   Waldorfschulen auch dem wachsenden Anspruch der Gesellschaft an die Schule, frühe und optimale Kompetenzen  im Schreiben, Lesen und Rechnen bei den Schülern zu erzeugen, gerecht zu werden.  
Bei diesem Versuch, in den ersten drei Schuljahren den Erweb dieser Fähigkeiten zu forcieren und zu optimieren ist ganz besonders zu bedenken, welche Bedeutung das frühe und oft hastige Erlernen der Lese- und Schreibkompetenz für eine gesunde seelische Entwicklung des Kindes haben kann.

Kein perfektes Schreiben und Lesen vor dem 11.bis 12. Lebensjahr
Nicht um sonst warnt der Begründer der Waldorfpädagogik Rudolf Steiner sehr eindringlich vor dem frühen Erlernen von Schreiben und Lesen, das in den Wahldorfschulen gerade nicht zu früh gefördert werden soll.

„Da kommen dann die Leute und sagen: Ja, aber die Kinder lernen dann erst spät Lesen und Schreiben. Das sagt man ja nur, weil man heute nicht weiß, wie schädlich es ist, wenn die Kinder früh lesen und schreiben lernen. Es ist sehr schlimm, wenn man früh schreiben kann. Lesen und Schreiben, so wie wir es heute haben, ist eigentlich etwas für den Menschen im späteren Lebensjahre, so um das 11. bis 12. Lebensjahr. Und je mehr man damit begnadet ist, kein  Lesen und Schreiben vorher fertig zu können, desto besser ist es für die späteren Lebensjahre.“ (1)

Bei der negativen Beurteilung des frühen Erwerbes der genannten Fähigkeiten spielt also für eine gesunde Entwicklung des Menschen  die Frage nach dem eigenen angemessenen Entwicklungsrhythmus, der eigenen optimalen Lernreife für eine bestimmte Fähigkeit eine entscheidende Rolle. Für das Erlernen von Schreiben und Lesen verlegt Rudolf Steiner diese gesunde Lernreife in das Lebensalter vom 11. bis 12. Lebensjahr.

Unterschiedliche Entwicklungsreifen
Der Mediziner und Kinderpsychologe Remo Largo arbeitete an der Universitäts- Kinderklinik in Zürich und untersuchte während eines Zeitraums von über 30 Jahren die Entwicklung von 700 Kindern von der Geburt an.
Dabei richtete er unter anderem sein Augenmerk auf die Frage zu welchen Zeitpunkt erlernen Kinder eine bestimmte Fähigkeit?
Da entdeckte er, dass die zeitliche Bandbreite, in der Kinder eine bestimmte Fähigkeit erlernen können, allgemein sehr groß ist.  So erlernen Kinder zum Beispiel das Schreiben  normaler Weise zwischen 3 und 13 Jahren und Lesen können sie im Alter von 4 (1%) bis 10 (95%) Jahren. Die Fähigkeit eine Lesekompetenz optimal zu erlernen besteht allerdings von 3 Jahren an bis ins Erwachsenenalter. (2)

Ein wichtiges Ergebnis seiner Untersuchungen fasst er wie folgt zusammen:

Da die zeitliche Bandbreite von Fähigkeitsentwicklung bei allen von ihm untersuchten Fähigkeiten natürlicher Weise sehr groß ist, entscheidet nach Remo Largo die Intoleranz der Gesellschaft über die willkürliche Grenze, die angeben soll, wann Normalität in Unnormalität umschlägt. (3)

Für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist es nun von ganz besonderer Bedeutung, dass es gemäß  seinem individuellen Entwicklungsgang zum richtigen  Zeitpunkt eine Fähigkeit erwerben kann.
Es liegt dabei auf der Hand, dass alle diejenigen Kinder, in deren normalen Entwicklungsverlauf, für Lesen und Schreiben erst im 10. bis 12. Lebensjahr die Zeit reif ist, der frühe Schreib- und Leseunterricht ab fünf Jahren eine Zumutung und Überforderung darstellt, die sehr leicht die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder untergraben kann.
Wenn heute die Lernfähigkeit für Schreiben und Lesen mit 5 Jahren als normal angesehen wird, dann entscheidet also, wie Remo Largo es formuliert, die Intoleranz der Gesellschaft über diese willkürliche Grenze und alle diejenigen Kinder, die normaler Weise erst mit 8 bis 12 Jahren entwicklungsreif zum Erwerb dieser Kompetenzen werden, laufen Gefahr,  zum Beispiel als Legastheniker oder als Förderkinder frühzeitig abgestempelt zu werden.
Diese Abstempelung und die damit nur zu oft verbundenen vielen und quälenden  Extrauntersuchungen und Extrabehandlungen, die das betroffene Kind auch  oft noch nachhaltig aus seinem gewohnten Klassenzusammenhang herausreißen, verhindern nicht selten jede weitere gesunde Entwicklung des Kindes.

Übertriebene Hast
Neben der für sie zu frühen Ausbildung dieser Fähigkeiten spielt bei der gesunden Entwicklung vieler Schüler die zu große Hast beim Erweb der entsprechenden Kompetenzen  eine negative Rolle. Diese Hast beim Lernen entsteht sehr schnell durch die bekannten systematischen Schreib- Rechen- und Leselehrgänge nach wissenschaftlich perfekt ausgearbeiteter Vorlage mit entsprechendem Übteil, wie sie heute in den meisten Grundschulen aber auch an Waldorfschulen verwendet werden.
Ich will nicht abstreiten, dass  ein solcher systematischer Lehrgang nicht auch seine Vorteile hätte, aber ich warne vor der Hast, zu der ein solcher Schreib- und Rechenlehrgang verführen kann.
Er ist so wohl geordnet und in seinen Schwierigkeitsgraden sorgfältig dosiert, bietet eine Überfülle an systematisch aufgebauten Erklärungen, Übungen und Beispielen, dass man als Lehrer  mit wachsender Lust im fortlaufendem Stoff voranschreiten möchte. Es ist ja auch für den „Schwächsten“ gesorgt.
Alle seine Probleme wurden im Voraus mitbedacht und im Hinblick darauf sorgfältig im Vorfeld bearbeitet und geglättet. So gerüstet kann man in recht kurzer Zeit alles und auch die feinsten Feinheiten sehr genau besprechen.
Davor warnt aber mit recht der Pädagoge Martin Wagenschein:

„Ein solcher systematischer Lehrgang verführt zur Vollständigkeit (denn er will bereitstellen), damit zur Hast und also zur Ungründlichkeit. So baut er einen imposanten Schotterhaufen. Gerade indem er sich an die Systematik klammert, begräbt er sie und verstopft den Durchblick. Er verwechselt Systematik des Stoffes mit Systematik des Denkens.“ (4)

Die Systematik des individuellen Denkens beim Lernprozess geht zudem oft sehr verschlungene Wege, die der Außenstehende nicht gleich nachvollziehen kann, und lässt sich nur sehr schwer in ein einheitliches System quetschen.
Der Durchblick des Schülers wird durch eine Überfülle an Systematik nicht nur sehr leicht verstopft, sondern auch die Systematik des eigenen Geistes wird über den Haufen geworfen und als Folge davon ist der Durchblick noch einmal verstopft.

Die Fülle des Stoffes wird zum Schrecken
Darüber hinaus wird die Fülle des Stoffes für viele Schüler sehr bald zum Schrecken, treibt sie zur Hast und oberflächlicher Arbeit, sie werden flüchtig und machen unnötige Fehler.
Dem langsamen Schüler wird die Fülle aber sehr bald zum quälenden Alptraum, denn die anwachsenden Stapel systematisch geordneter Arbeitsblätter, häufen sich bei ihm in der Schule und zu Hause und wollen in endlosen Stunden bearbeitet werden. Die natürliche Gegenwehr des geplagten Schülers in Form einer Blockade und Verweigerung jeglicher Arbeit folgt dann in vielen Fällen auch sehr bald.
 
Lesen, schreiben und Rechnen als „Treibhausfähigkeiten
Aber es gibt noch weitere Einwände gegen systematisch angelegte Lehrgänge im Schreiben ,Rechnen und Lesen.
Durch einen streng systematischen Lehrgang werden nach meinen Erfahrungen „Treibhausfähigkeiten“ erzeugt, also Fähigkeiten, die schnell aufblühen, aber sehr störungsanfällig sind.
 Wodurch wird dieser Effekt bewirkt?
Bei optimaler Zubereitung wird der Lernstoff in kleinen, leichtverdaulichen Häppchen in optimaler Kürze der Zeit an den Schüler weitergereicht. Auf diese Weise sollen  seine Fähigkeiten unter optimalen Bedingungen in kürzester Zeit wachsen.
Selbstbestimmtes Lernen
 Im Lernprozess unter natürlichen Bedingungen lernen wir auch durch Versuch und Irrtum, gehen Umwege, brechen den Lernprozess zwischendurch sogar ab, um ihn nach einiger Zeit wieder aufzunehmen.
Der wichtigste Faktor und Antrieb zum freien, selbständigen Lernen ist aber die Motivation, das eigene Interesse an der Sache. Dieses Interesse ist auch gleichzeitig der natürliche Wachstumsregulator. Er bestimmt das Lerntempo und bewirkt die notwendigen Pausen und Unterbrechungen. Aber nur auf diese Weise verbindet sich der Mensch nachhaltig und in gesunder Art mit dem Lernstoff und erwirbt sich nur auf diese Weise eine beständige Fähigkeit.

Kunstdünger und Treibhausgemüse
  Das systematische Lernen hingegen will auf eine selbstbestimmte natürliche und individuelle Regulation des Lernprozesses keine Rücksicht nehmen, sondern das Lernen nur ganz allgemein optimieren. Diese allgemeine Optimierung wirkt aber auf das Wachstum der so geförderten Fähigkeiten wie Kunstdünger. Dadurch werden schnell aufsprießende aber seelisch instabile Fähigkeiten erzeugt. Diese Fähigkeiten werden auch nicht nachhaltig zu eigen gemacht. Sie gehen leicht wieder verloren, werden unsicher. Sie gleichen auch in dieser Beziehung schnell verderblichem Treibhausgemüse.

Unbefangenheit beim Lernen
Darüber hinaus gibt der Lehrgang ganz bewusst dem Schüler fortlaufend Rückmeldung über sein Können beziehungsweise Nichtkönnen. Der Schüler erlebt auch im gemeinsamen Lehrgang in der fortlaufenden Vergleichbarkeit mit den unterschiedlichen Lernfortschritten der anderen seinen Fortschritt bzw. mangelnden Fortschritt. Auf diese Weise erzeugt der Lehrgang für die Teilnehmenden eine künstliche Atmosphäre fortlaufender Vergleichbarkehit und Kontrolle, die einerseits den Ehrgeiz beflügeln kann auf der anderen Seite aber die Unbefangenheit nimmt und Ängste erzeugt.
Ganz besonders beim Lernen braucht aber der Mensch meiner Ansicht nach einen besonderen Schutzraum , der es ihm ermöglicht, unbeobachtet und unkontrolliert, über längere Zeiten hinweg, „im Geheimen“, für ihn vielleicht auch ganz unbewusst und unvermerkt Fähigkeiten zu entwickeln.


Ursprüngliches Lernen
Der Hochschulpädagoge Peter Fauser bezeichnet dieses Lernen als Ursprüngliches lernen so wie es auch ein ursprüngliches Wachstum unter natürlichen Wachstumsbedingungen gibt.
Ursprüngliches lernen ist für ihn Lernen durch Erfahrung, das auch wie beiläufig geschehen kann:

„Ursprüngliches Lernen ist Lernen durch Erfahrung. In einem weiteren  und in einem entwicklungsmäßig zugleich früheren Sinne sind Erfahrungen aber nicht an eine zweckbezogene Tätigkeit gebunden, sondern erwachsen durch ein beiläufiges Lernen aus dem Umgang mit Mensch und Natur. (...) Aus dieser Sicht ist auch, das, was wir „Unterricht“ und „Erziehung“ nennen, ursprünglich im Umgang verwurzelt. Können und Wissen, Haltungen und Überzeugungen werden ursprünglich im beiläufigen Mitvollzug menschlicher Praxen aufgebaut.“ (5)

Dieser ursprüngliche, lebendige Lernprozess, der auch den Launen und dem Wind und Wetter des Lebens ausgesetzt ist und sich aus der Biographie eines Menschen ergibt schafft, wenn er gelingt, stabile Fähigkeiten. Das künstliche Lernen „im Gewächshaus“ (Klassenzimmer) versorgt mit dem Kunstdünger einer systematisch aufgebauten Unterrichtseinheit ist dagegen beständig der Gefahr ausgesetzt, an Stelle von nachhaltigen Fähigkeiten geschmackloses, schnell wachsendes aber auch schnell verderbliches Einheitsgemüse zu produzieren.

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