Vom vermeintlichen“ hässlichen Entlein“ oder von einem Jungen, mit Zukunft

Fabian kommt aus dem Ausland, lebt aber schon von Kindheit an mit seinen Eltern in der Schweiz.  Er ist im Sommer 16 Jahre alt geworden. Auf diesen Tag hat Frank sich schon lange gefreut. Jetzt endlich darf er öffentlich und ohne, dass es ihm jemand verbieten kann rauchen.

Für ihn ist so vieles verboten. Er darf nicht in eine öffentliche Schule gehen, denn dort ist er durch alle denkbaren Schultypen gewandert und überall raus geflogen. Er darf auch keine normale Lehre beginnen, obwohl es sein innigster Wunsch ist, denn er wurde von seinen psychologischen Gutachtern „ AD(H)S“ krank und letztendlich als Hirn geschädigt eingestuft  und für eine normale Lehre als untauglich erklärt. Er hat auch noch keinen Schulabschluss und mit 16 Jahren ist er jetzt nicht mehr schulpflichtig. Die Schulbehörde muss nicht mehr für ihn sorgen und, Gott sei Dank, auch nicht mehr für ihn zahlen! Mit Hilfe seines“ freundlichen“ Psychologen, der Fabian eine jegliche Entwicklung und Zukunftsperspektive abspricht, wird er jetzt dem Invaliden Verein übergeben, einem Vormund unterstellt,   und in einer Werkstätte für Behinderte und Hirn geschädigte Menschen untergebracht.

Seine Eltern, der Psychologe, das Schulamt und die Lehrer der alten Schule, alle sind sie erleichtert und zufrieden. Fabian hat nach ihrer Meinung den Ort gefunden, der für ihn passend ist. Er wird den Tag über sorgfältig betreut und überwacht. „Er kann nun keine Dummheiten mehr machen, denn wenn man ihn sonst  nur zwei Minuten alleine gelassen hat,  machte er schon Dummheiten“, erklärt  die durch Fabians  bisherige Betreuung gänzlich überforderte Mutter. Nur seine neuen Erzieher  in der Werkstätte für Behinderte, die ihn nun schon seit einigen Wochen betreuen sind gar nicht zufrieden. Sie sind mittlerweile   ratlos  geworden und fühlen sich mit der Betreuung  von Fabian überfordert.  Denn der Junge ist in ihren Augen nach ihrer bisherigen Erfahrung mit ihm in keinem Falle Hirn geschädigt.  Sie haben sich bei der Aufnahme getäuscht und Sie erkennen jetzt genau den Unterschied zwischen Fabians Verhaltensweisen  und den wirklich Hirn geschädigten Menschen in ihrer Werkstätte. Fabian ist nach ihrer Meinung bei ihnen nicht am  richtigen Ort.

 Seine beiden älteren Geschwister entwickelten sich ganz normal, machten Abi und studieren mittlerweile. Nur das von allen wenig geschätzte vermeintliche  „hässliche Entlein“, der unter Fettsucht leidende und klumpfüßige Jüngste war schon  immer der Schadfleck der Familie. „ Du bist es selber schuld, Du bist ein Versager“, hört Fabian immer wieder die Geschwister und manchmal auch die verzweifelten  Eltern zu ihm sagen. Denn für alle in der Familie ist es klar: Die zwei ersten sind gut geraten, also auch gut erzogen worden. An falscher Erziehung kann es nicht liegen. Das haben die Eltern, ihrer Meinung nach,  mit ihren beiden ersten gut erzogenen Kindern bestens bewiesen. Also ist Frank  das schwarze Schaf  aus eigener Schuld.

Satt Verständnis und Heilung Gewalt und Ritalin

Fabian wurde nicht immer gewaltfrei erzogen. In der Familie und auch in der Schule setzte es oft genug und immer wieder Prügel. Als er fünf Jahre alt war und im Kindergarten sich auffällig zeigte, versuchte man ihn ,versehen mit der Diagnose „AD(H)S“ ,  durch eine reichliche, tägliche Dosis  Ritalin  vergeblich zur Räson zu bringen.

Obwohl der Versuch scheiterte, wurde jedoch die Einnahme von  Ritalin in hoher Dosis bis heute vorsorglich beibehalten.(und dadurch  seine weitere Gemütsreifung deutlich  erschwert ) Die mit der Pflege und Erziehung von  drei Kindern  allein belastete  Mutter, (den Vater lernte Fabian  erst mit neun Jahren kennen), war offensichtlich mit der Erziehung und Versorgung ihres dritten Kindes, das durch seine Kränklichkeit, (Asthma, Allergien und ein kranker Fuß), einer besondere Aufmerksamkeit und Pflege bedurfte,  hoffnungslos überfordert.

In der Schule fühlte sich Fabian ebenso unglücklich und von den Mitschülern und Lehrern missachtet wie zuhause von der  gestressten Mutter,  und später dem Vater und den Geschwistern.

 

Hass und Misstrauen sind schlechte Erzieher

Wenn auch dieser Junge in seinem bisherigen Leben wenig Gelegenheit gehabt hatte in der Familie oder in der Schule etwas Positives und für seine Zukunft  Brauchbares  zu lernen, so hat er jedoch aus Not und aus dem bedrückenden Gefühl heraus, überall missachtet , gemaßregelt und ausgestoßen  zu werden, gelernt, sich zur Wehr zu setzen oder vor drohender Gewallt sich zu ducken und da, wo er es unbemerkt kann hat er   auch gelernt, sich dasjenige als Ausgleich und zu seiner Befriedigung zu nehmen, was er sich nur  heimlich von anderen wegnehmen, stehen  kann.

Außerdem hat er einen ohnmächtigen Hass und eine Wut auf   Viele seiner  Mitmenschen  entwickelt. Vor allem auf seine Lehrer  und Erzieher.  Seiner Familie gegenüber ist er aber  auch oft hin und hergerissen zwischen Zuneigung und Hass.

Dieser Hass lehrte  ihn aber  auch Gewalt, die er in der Schule oft recht handfest erfahren musste, nicht immer  widerstandslos hinzunehmen. Er lernte zurückzuschlagen oder zu treten und verwickelte sich immer wieder  in ein Handgemenge mit den Lehrern. Vor allem aber lernte er durch gezielte  und sehr effektive  Abwehr- und Störungsmanöver den Unterricht empfindlich zu stören. Diese destruktiven Verhaltensweisen wurden für ihn  zu einer Präventivmaßnahme gegenüber zu erwartenden Sanktionen seitens der Lehrerschaft und zu einer bleibenden Gewohnheit. Er wurde wirklich zu einem recht unausstehlichen Schüler, der alle Lehrer zur  Ratlosigkeit ihm gegenüber brachte und zur Weißglut treiben konnte. 

So  durchlief er eine Schulkarriere der fortlaufenden Rausschmisse und als er auch von der letzten Sonderschule gewiesen wurde, blieb nur noch ein in den Augen der Schulbehörde sehr aufwendiger und teurer Einzelunterricht für ihn übrig.

Bedingt  durch den fortlaufenden Schulwechsel und seine Gewohnheit, sich jeglichem Unterricht zu verweigern, hatte er während seiner traurigen Schulzeit fast nichts lernen können. Nur in dem einen Jahr Einzelunterricht, den er zwischendurch einmal haben konnte, hatte er  die aller notwendigsten Anfänge im Schreiben, Lesen und Rechnen sich aneignen können.

 

Zwang freies Lernen auf der Grundlage von Beziehung

Fabian hatte nun im letzten Jahr (2010/11) die Gelegenheit wieder einmal ein Jahr lang Einzelunterricht zu bekommen. An zwei Tagen in der Woche hatte er von 7:00 Uhr bis um 15:00 Uhr“ Unterricht.“

  Ein gemütlicher, großer Raum mit vorzüglich eingerichteter Küche  in einem alten Bahnhof stand für „das Unternehmen Unterricht“ zur Verfügung. Zum Unterrichtspersonal gehörten neben dem Lehrer  auch ein gutmütiger großer Hund.

 

Der Unterricht hatte nun die Besonderheit, dass er ohne Anwendung von jeglicher Art Strafe und schulischer  Gewalt(z.B. Maßregelkatalog) und ohne jeden Zwang ( natürlich auch kein Lernzwang)  durchgeführt wurde.

In der ersten Woche versuchte Fabian auf vielfältige Weise und nach alter Gewohnheit den Unterricht immer wieder unmöglich zu machen. Er gebrauchte zum Beispiel fortlaufend äußerst grobe sexistische Ausdrücke und Redewendungen, täuschte Unpässlichkeit und Krankheit vor, bekam Wutausbrüche, fing an zu Schreien und zu Weinen, lief davon (kam aber zum Glück immer wieder) und Vieles mehr.

Innerhalb einer Woche verschwanden alle diese Symptome,  um während des folgenden Jahres nur noch in seltenen Ausnahmefällen wieder aufzutauchen. 

Die notwendige Grundlage für diesen Unterricht bildete der konsequente Aufbau einer auf Vertrauen und Zuneigung basierenden Beziehung. Fabian sollte die Möglichkeit bekommen, sein Vertrauen gegenüber seinen Mitmenschen wiederzugewinnen.  Er sollte in ausgiebigen Maße erleben, dass sein Lehrer ihn nicht nur anerkennt und wertschätzt, sondern auch eine für jede Beziehung  so notwendige und an sich selbstverständliche herzliche Zuneigung für ihn entwickelt.

Aller Unterricht stand unter dem Motto: Miteinander leben und im  miteinander gelebten Alltag zusammen  und mit gemeinsamer Freude arbeiten und lernen.

Neben immer wieder eingestreuten  Übungen zum Erwerb der Fähigkeiten von Schreiben, Lesen und Rechnen und anderer grundlegender Kompetenzen  gab es die gemeinsame Arbeit in der Gärtnerei, aufwendiges gemeinsames Kochen mit anschließendem wohlverdienten Essgenuss, lange Spaziergänge mit dem Hund.( Frank hatte die Aufsicht über den Hund), ausführliches Baden im Stadtbad und im Fluss mit anschließender Essenszubereitung über dem Lagerfeuer, Radtouren, Museumsbesuche, Stadtbummel und vieles andere.

 

Erste Mauser zum Schwanengefieder doch der  zukünftige Schwan wird wieder eingefangen

Fabian wurde in diesem Jahr in keinem Fall ein vollständig anderer Mensch, aber er gewann  in dieser Zeit  wieder etwas Selbstvertrauen  und dazu einen Menschen, dem er Vertrauen schenken konnte und auf den er sich jedes Mal freute, wenn er mit ihm zusammen sein und gemeinsam  arbeiten konnte.

Neben vielem anderen machte er auch im schulischen Lernen gute Fortschritte und hätte voraussichtlich  in den nächsten Jahren durchaus einen ordentlichen Schulabschluss machen können. (Er hat laut Testergebnis einen ganz normalen IQ- Wert)

Es kam aber anders. Seine Schulzeit war zu Ende, das Urteil des Psychologen stand fest: „hochgradige „AD(H)S“ Erkrankung und  Hirnschaden ohne die Aussicht auf eine wie immer auch aussehende weitere  Entwicklung.   Die Einzelbetreuung war nicht mehr nötig, da eine Werkstätte, bezahlt durch den Invaliden Verein, ihn ganztägig und für fünf Tage  in der Woche betreuen kann. Mit einem Wort: Fabian war in den Augen aller Beteiligten (ihn und seinen Lehrer natürlich ausgenommen) für die weitere Zukunft gut versorgt.

 

 

Fabians  Werdegang in die unverstandene Einsamkeit ist ein Symptom unserer Zeit

Ist Fabian nun ein bedauerliches Einzelschicksal ohne einen Erkenntniswert für die Lebensläufe vieler anderer junger Menschen?

Ich glaube es nicht! Fabian steht für mich da als ein charakteristischer Fall mit  zwar auffälligen  aber typischen Symptomen und  Eigentümlichkeiten für den mehr oder weniger unglücklichen Werdegang vieler Kinder in unserer heutigen Gesellschaft. 

 

Wie sieht dieser Werdegang im Einzelnen aus: 

 

1. Das Kind kommt mit auffällig vielen Krankheiten auf die Welt

2. Fabian  ist schon wegen seiner Krankheiten anders als seine Geschwister und braucht          besonders viel  Verständnis  Zuwendung und Betreuung

3.Die alleinstehende Mutter ist mit der Versorgung des Kindes begreiflicher Weise überfordert

4. Der im Kindergarten auffällig gewordene Junge wird mit einer entsprechenden Ritalin-Dosis behandelt. Es tritt jedoch keine entscheidende Besserung ein, Ritalin wird trotzdem weiter verabreicht. Es findet keine Heilung statt

5.Die Schule, vertreten durch einzelne Lehrer und verschiedene Schultypen ist nicht in der Lage, den Schüler in ihr pädagogisches Erziehungssystem zu integrieren. Sie versucht nicht zu verstehen  und  zuheilen,  sondern arbeitet mit Zwang, Strafe und letztendlich mit Gewalt und Ausgrenzung und zuletzt mit dem Ausschluss des  Kindes aus dem Schulsystem , das sich nicht an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse  anpassen will oder kann.

 6. Fabians Probleme in der Schule steigern sich  im Verlauf der Jahre erheblich   und als Rückwirkung davon auch im Elternhaus

7. Die fachärztlichen und  psychologischen Befunde führen zu keiner wirklichen Klärung von Fabians Problemen. Sie diagnostizieren lediglich eine Menge von Defiziten bis hin zu einer nicht weiter erklärbaren allgemeinen Hirnschädigung

8.Die permanente Überforderung der Mutter durch die anwachsenden Probleme des Sohnes nimmt ständig zu, gleichzeitig ist sie immer weniger in der Lage ein Verständnis für die Schwierigkeiten ihres Kindes aufzubringen. Sie bekommt von keiner Seite eine wirkliche Hilfe

9.Das Kind fühlt sich nicht nur durch die Schule verletzt und ausgestoßen, sondern jetzt auch noch immer mehr durch das überforderte  Elternhaus                                                                                                            

10.Auch die Sonderschule kündigt ihm fristlos , der Vater will ihn im  verzweifelten Zorn als Sohn verstoßen  und droht ihm mit Ausschluss aus der Familie und Unterbringung im Heim.

 

 

 Bei der Betrachtung dieses zehn stufigen Absturzes in Isolation und kalte seelische Einsamkeit fällt auf :

            1.    dass unsere Gesellschaft, vertreten durch Schule, Ärzte und Psychologen (Punkte 3.,          4. , 5.,       6. ,7., 9. ,  und 10.)  bei diesem Absturz eines Kindes eine maßgebliche und             unglückselige   Rolle spielt.

 

  1. dass die Entwicklung von Fabian und seinen Problemen zuhause und in der Schule sich in naheliegender Weise aus der  Darstellung  seiner persönlichen Umstände und seines Werdeganges ergeben und hinlänglich erklärt werden können und nicht noch durch die rein hypothetische Annahme von einer „AD(H)S“ Erkrankung oder einer Gehirnschädigung erklärt werden müssen.

 

Die Hoffnung: Der zukünftige Schwan entfliegt  in die Mündigkeit

Fabians Entwicklungsgang ist aber  trotz der Unkenrufe des Psychologen noch lange  nicht zu Ende! Es muss noch die entscheidende Verwandlung erfolgen. Aus dem „hässlichen Entlein“, wie es H. CH. Andersen in seinem Märchen beschreibt, muss noch ein stolzer Schwan werden. So verlangt es der natürliche Werdegang. In jedem „Schwanenentlein“ steckt ein zukünftiger Schwan verborgen.

Im Verlauf  seines letzten Schuljahres, als Fabian in einer anderen Art als gewohnt Schule und Lehrer erleben konnte, zeigten sich bei ihm sehr bald die ersten Ansätze zu einer solchen positiven Verwandlung.  Das alte abgetragene Gefieder bestehend aus Misstrauen,  Abwehrverhalten Hemmungen,  und Blockaden, gewachsen aus Angst, Hass und Verletzung, begann langsam auszufallen. Eine gesunde Mauser begann. Man kann ihm jetzt  von ganzem Herzen wünschen, dass er die Verwandlung hin zu einem stolzen Schwan   so gut als möglich unter den gegebenen Umständen  doch noch  wenigstens teilweise vollziehen kann und die Kraft und Möglichkeit erlangt, dem Invaliden Verein mit kräftigem Flügelschlag zu entfliegen.

 

 

 

 

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