Zwei unterschiedliche Erkenntniswege

Die Weisheit der drei Magier und Hirtenweisheit

In  fünf Weihnachtsvorträgen   (GA 202 13. bis 16. Vortrag) und (GA 203 1.Vortrag)   beschreibt Rudolf  Steiner  die verschiedenen Erkennstnissweisen der drei Magier aus dem Morgenlande und der Hirten auf dem Felde. Während die drei Magier die Geburt des Kindes aus den Sternen lesen, kündigen die Engel den träumenden Hirten von der Geburt des Kindes im Stall.

Die Magier
Die drei Könige besitzen noch als die Letzen ihrer Art  die Erkenntnisfähigkeit, den Sternenhimmel nicht nur als eine sich bewegende Lichterkuppel wahrzunehmen. Im Sternenlicht erschienen ihnen die geistigen Wesen eines Sternes.  Diese Möglichkeit eines bildhaften lebendigen Erlebens und Verstehens des Wirkens der geistigen Wesen und ihrer Beziehungen im Kosmos bestand bei den drei Magiern dadurch, dass ihr Wahrnehmungsvermögen, ihre Anschauungsweisen des Sternenhimmels, der mineralischen Welt und der Pflanzenwelt noch durchsetzt waren von einem lebendigen Nachklang ihrer eigenen vorgeburtlichen Erlebnisse.   Ihre geistigen Erlebnisse leuchteten noch als eine lebendige Erinnerung an das vorgeburtliche Dasein  in die sinnliche Anschauung des Sternenhimmels   herein und bewirkten bei ihnen die Erkenntnis von dem Herannahen des Christus aus dem Sternenkosmos auf die  Erde. Die Magier durchdringen auf diese Weise ihre Sinnesanschauung mit den kosmischen Kräften eines hellsehenden Verstandes.
 Rodolf Steiner schildert dieses Erkenntnisvermögen, das die Magier aber auf Grund ihrer Ausbildung und besonderen Fähigkeiten mit einen taghellen Bewusstsein verbinden können, als ein allgemeines Wahrnehmungsvermögen der Menschheit in vorhistorischen Zeitaltern vor dem  8.Jahrtausend v. Ch., wobei das Bewusstsein dieser Menschen in mehr träumender Art vorgestellt werden muss. „Dasjenige aber, was da Seelenleben ist als Ergebnis der sechs oberen Sinne, des Ichsinnes bis zum Sehsinn, (Ichsinn, Gedankensinn, Wortsinn, Lautsinn oder Tonsinn, Wärmesinn, Sehsinn) alles das war einmal mit spirituellem Leben erfüllt.“ (GA 206 ,15. )


Die Hirten
Die  frommen Hirten auf dem Felde nehmen mit einer  andersartigen Erkenntnisfähigkeit die Ankunft des Christus auf Erden wahr. Ihnen erscheinen im Traume die Engel. Sie hören träumend den Engelsgesang und vernehmen die Worte vom Frieden und gutem Willen. Mit ihrem frommen Gemüt erleben sie die irdische Antwort auf die Ankunft des kosmischen Christus. Mit ihren Willens- und Gemütskräften entwickeln sie „Schauungen, die aus dem Menscheninneren heraus sich entwickeln“ (GA 202, 15. ) Sie besitzen „diejenigen Fähigkeiten, mit denen man die Erdentiefen, die Menschenseelengeheimnisse, das Wesen des Tierischen  wahrnahm.“ (GA 202 ,15. ). Diese Fähigkeiten stammen nicht aus dem vorgeburtlichen Leben wie die hellsehenden Verstandeskräfte der Magier. Die inneren Schauungen der Hirten entstammen den Gemüts- und Willenskräften, „die aber erst keimhaft in dem Menschen entwickelt waren, und die dann erst nach dem Tode auftraten, also nachtodliche Fähigkeiten, die erst schaffend werden sollten nach dem Tode, aber junge keimkräftige Fähigkeiten.“(GA  202 ,15. )  Junge Fähigkeiten sind sie schon deshalb, weil sie  besonders in der Kindheit des Menschen  auftreten. Sie sind mit dem Wachstum des Kindes verbunden. Diese seelisch- geistigen Gemüts- und Willenskräfte bilden die Grundlage, aus denen heraus „die Wachstumskräfte, die besonders das heranwachsende Kind hat ... sprießen und sprossen“ (GA  202,15.   Die Hirten haben sich diese kindlichen  Fähigkeiten bewahrt, die sie mit ihrer Genialität zu diesen Schauungen führten.  Aber auch die Hirten sind die letzten Träger  dieser Erkenntniskräfte, die damals bis in das spätere Lebensalter den Menschen durch  ihr gemüthaftes Wollen die Möglichkeit gaben, im inneren  traumhafen Vorstellen die Erdenkräfte, die als ehemalig kosmische Kräfte nun von der Erde her wirkten,  in der Menschenseele wahrzunehmen.

Wandlung des hellsehenden Verstandes
Die hellsehenen Verstandeskräfte, die das  sinnliche Anschauungsvermögen einer  alten Menschheit durchzogen, haben sich in der heutigen Zeit in das Innere des Menschen zurückgezogen.   „Für uns ist das, was für die Alten ...eine lebendige Geistwelt war, für uns ist es Mathematik , Mechanik geworden“ (GA  202, 15. )  Das bedeutet zugleich, dass ein ehemaliges spirituell lebendiges Seelenleben „als Ergebnis der sechs oberen Sinne... nun immer leerer und leerer an Spiritualität wurde“(GA 206 ,15. ) Das heutige Vorstellen enthält nicht mehr solche realen Erlebnisse an bestimmte vorgeburtliche Erfahrungen  „mit Merkur, mit Sonne, mit Mond, mit Saturn, mit Jupiter“.(ebenda) Unser heutiges Vorstellen ist  nur noch „Bild  von all den Erlebnissen, die vorgeburtlich ...von uns erlebt sind.“ (Allgemeine Menschenkunde; 2. Vortrag).  Der heutige Mensch lebt nur im Schlaf das Leben des Kosmos mit. Er reißt sich heraus aus dem Miterleben der Bewegungen des Kosmos, indem er aufwacht und sich in sein intellektuelles Denken zurückzieht. (GA 180, 6.). Ebenso reißt er sich beim Aufwachen  mit dem Bewußstsein aus einem lebendigen  Weltendenken, aus einem objektiven Gedankenleben heraus. Er behält als ein Abbild davon sein logisches abstraktes Denken. „An der Stelle, wo sonst die objektiven Gedanken weben, bilden wir ... aus der Substanz dieses Gedankenwebens heraus unsere alltäglichen Gedanken“. (GA 207 , 3. ). Eine ehemals kosmische Intelligenz vertrocknet in uns zu einer abstrakten Logik.
Mit seiner abstrakten, das heißt auf das Allgemeine sich beziehenden, mathematisch, logischen Intelligenz ist der heutige Mensch nicht in der Lage die konkrete Wirklichkeit zu erfassen. Er kann an der Wirklichkeit vorbei denken und in Irrtümer verfallen.  Zusammenfassend können wir mit R.Steiner  sagen: „Was bei den Magiern aufgetreten ist als das äußere Vorstellen...was bei den Magiern Erkenntnis der belebten Sternenwelt vermittelt hat... das zieht sich nach dem Inneren, mehr nach dem Gehirn zurück, und das wird unsere mathematische , unsere mechanische Welt.“(GA  202, 15. )


Die Wandlung des Herzenswissens
Die Erkenntnisweise der Hirten kann man mit Herzenswissen bezeichnen. Dieses Herzenswissen bezieht sich im Gegensatz zu unserem heutigen Kopfwissen auf eine Lebensweisheit, die man sich durch Lebenserfahrung aneignet.  An dem Zustandekommen dieser Lebensweisheit ist aber der ganze Mensch, der seinen Mittelpunkt im Herzen trägt, beteiligt, nicht nur der Kopf .(GA  180 13. Vortrag). In der weiteren Entwicklung der Menschheit zieht nun diese im Innern der Hirten traumhaft erlebte, bildhaft ,naive, instinktive Erkenntnisfähigkeit „immer mehr und mehr nach außen und wird zu der heutigen Außenwahrnehmung.“(GA  202 15. Vortrag)  Das wird unsere heutige sinnliche,   nüchterne und in der Regel oberflächliche Erfahrungswahrnehmung, aus der wir vornehmlich unser Kopfwissen beziehen.
 
Dekadenz des intellektuellen Verstandes
Der menschliche Intellekt ist an seine Denkorgane gebunden. R.Steiner schildert , dass der menschliche Organismus  in Bezug auf seine innere Formung um die Mitte des 19. Jahrhunderts am vollkommensten war. Seit dieser Zeit tritt eine Dekadenz der Entwicklung ein. Der menschliche Organismus ist wieder in Rückwandlung begriffen. Diese Dekadenz bezieht sich vornehmlich auf  die  Denkorgane, deren Entwicklung zu einem Höhepunkt an Vollkommenheit gekommen war. Dieser Entwicklunghöhepunkt ist durch ein absolut abstraktes und wirklichkeitsfremdes, auf seine physischen Denkorgane angewiesenes Denken gekennzeichnet.(GA 204, 1. )Dieser schattenhafte, das heißt ohne Seinscharakter, nur bildhafte Intellekt ohne Wirklichkeitssinn kann nur noch mit „automatischen, leblosen Gedanken“ die mineralische Welt  erfassen. (GA  204, 14. ) Die menschliche Intelligenz ist im Zusammenhang damit einer Entwicklung unterworfen, die heute in Ansätzen schon sichtbar geworden ist, durch die die Intelligenz die Neigung haben wird, so schildert es R.Steiner, „nur das Falsche, den Irrtum, die Täuschung zu begreifen und auszudenken... Sie wird eine Verwandtschaft eingehen mit den Kräften des Irrtums, der Täuschung und des Bösen.“ (GA 296, 5.) Wenn die Menschen nur solche Gedanken in Zukunft ausbilden würden, so prophezeit R.Steiner, werden diese schattenhaften automatischen Gedanken , die keine Wirklichkeit haben,   „mit einem Schlage Wirklichkeit, das wird wesenhaft“ In diesem Zusammenhang schildert er ein zukünftiges Gedanken-  Spinnenreich, halb Mineral halb Pflanze, „von einer riesigen Weisheit, „die  in ihren äußeren Bewegungen alles imitieren werden, was die Menschen ausdachten mit dem schattenhaften Intellekt. (GA  204, 14. )

Die Entwicklung der Sinne
Der Inhalt des bewussten  menschlichen Seelenlebens ergibt sich in der Hauptsache aus den Erfahrungen , die dem Menschen durch die sechs oberen Sinne vermittelt werden. Sinneswahrnehmung ist Willenstätigkeit. Nach Plato streckt  zum Beispiel beim Sehen der Mensch „seelische Fangarme“ nach den Gegenständen seiner Wahrnehmung aus. R.Steiner bezeichnet den Wahrnehmungsvorgang beim Sehen als ein „seelisches Angreifen der Dinge“ (GA 293,3 )Stellvertretend für die anderen Sinne schildert er die Fuktionsweise des Ichsinns als ein hin und her schwingen der Seele zwischen der Versenkung in die Wahrnehmung und dem inneren Bewusst werden. (GA 293,8) Er bezeichnet diese Aktivität als „ ein sehr kurz dauerndes Abwechseln zwischen Wachen und Schlafen in Vibrationen. Schlafende Versenkung in den Gegenstand und wachende, innere Bewusstwerdung des Eindrucks durch die Verbindung mit dem Nervensystem. Diese äußere Wahrnehmungtätigkeit muss nach R.Steiner  in der Zukunft vertieft werden, dass heißt sie darf nicht in den Sinnen stecken bleiben. Sie muss als Gemüts- und Willenstätigkeit so weit sich verstärken  und  nach Außen dringen, dass sie bei dem Wahrnehmungsgegenstand wachend und erkennend verbleiben kann und das  zum Aufwachen notwendige Zurückschwingen zum Nervensystem nicht mehr nötig hat. Sie muss im Wahrnehmen den Leib verlassen können „und  der Inspiration fähig werden“. (GA 202, 15) Das würde unter anderem bedeuten: Am anderen Menschen  wahrhaftig erwachen zu können.

Die Vertiefung des intellektuellen Verstandes
Der sich nach dem Inneren, nach dem Gehirn zurückgezogene Verstand muss, so fordert es R.Steiner, willentlich vertieft und zur Erfasung der Wirklichkeit erzogen werden. Er beschreibt diesen Vertiefungsweg in folgender Weise: Seinen Gedankeninhalt bezieht das Denken aus der Umwelt, die innerliche Verarbeitung der Gedanken durch Urteilen und Schüsse ziehen geschieht durch unsere Willenskraft, die von innen kommt.(GA 202,12) Der Gedankeninhalt bindet uns an die Umwelt, erst in der inneren willentlichen Verarbeitung werden wir frei, denn der Wille in unserem Gedankenleben ist unser eigener. Wenn man  „ das Willenselement, das im Urteilen und Schüsseziehen unsere Gedanken durchstrahlt, in besondere Regsamkeit versetzt und  „den Gedankeninhalt insofern er von außen kommt, möglichst ausschließt,“ ...leben wir im Denken  „aber im Denken lebt nun Wille.“ Der willengewordene Gedanke enthebt sich der physich- sinnlichen Notwendigkeit und wird durchstrahlt von der „moralischen Intuition.“ (GA 202,12)
Neben der Erkraftung des abstarkt gewordenen Denkens durch den Willen muss das Denken  an die Wirklichkeit wiederum herangeführt werden. Denn ein aus dem Denken gewonnener Beweis kann niemals maßgeblich für die Wirklichkeit sein, wie es die Antinomien von Kant eindrücklich darstellen. Unser Denken ist „ zunächst gegenüber der Wirklichkeit absolut inkompetent.“ (GA 134,1). R.Steiner schildert aber  einen Weg , wie man durch eine gefühls- und willensmäßige Erziehung des Denkens über die vier Stufen des: Staunens, der Ehrfurcht, des sich in Einklang setzens mit den Welterscheinungen und der Ergebung in den Weltenlauf das Denken wiederum mit einer Wirklichkeit , die das ihr zugrunde liegende Geistige mit umfasst, verbinden kann.

Willensschulung
Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass die beiden uns zur Verfügung stehenden Erkenntnismöglichkeiten  Sinneswahrnehmung und Denken ihre lebendige Kraft,die Welt zu erfassen, beim modernen Menschen verloren haben. Die Sinneswahrnehmung ist in der Gefahr durch unsere Kultur zu einer eindimensionalen, schwarz- weis Aufnahmefähigkeit zu verkümmern.
Das Denken verflüchtigt sich immer mehr zu einer wesenlosen Abstraktion. Die zu einer wirklichen Erfassung der Welterscheinungen notwendige Willenskräfte haben sich aus beiden Erkenntnisweisen zurückgezogen.  Wir haben die Erkenntnis der Welt einseitig unserem Kopf überlassen. Deshalb fordert R.Steiner für beide Erkenntniswege eine gemüts - willensmäßige Vertiefung und Verlebendigung. Der durch Meditation gestärkte „ willengewordene Gedanke oder der gedankengewordene Wille“ erreicht wiederum die hinter den gedanklichen Abstraktionen verborgene geistige Wiklichkeit. Abstrakte Bildfähigkeit und wandelt sich auf diese Weise gestärkt zu lebendiger, realer geistiger Erfahrung, die in die von uns gebildete  Schale aus willengewordenen Gedanken einströmen kann.
Zu lebloser Passivität verkümmerte Wahrnehmung wird, gestärkt durch mitleidvolle und selbstlose, aktive Hingabe an die Welt, zu einer Fähigkeit, die Seele des anderen Menschen im sozialen Leben wirklich  zu erreichen und aufzunehmen. 
In diesem Sinne gelten für den heutigen Menschen die Worte der Engel an die Hirten: „Und Frieden auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind“ in ganz besonderem Maße.

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